Falange Espanola
– Nationalsyndikalismus in
Spanien –
"Wir
lieben nicht diese Ruine, diese Dekadenz unseres derzeitigen physischen
Spaniens. Wir lieben die ewige und unerschütterliche Metaphysik Spaniens."
- José Antonio Primo de Rivera
Die Entstehung des spanischen
Nationalismus
Die politische Kultur Spaniens ist eine europäische Besonderheit, denn der
spanische Nationalismus war lange Zeit hindurch nur schwach ausgeprägt. Krone
und Staat waren mehr als 500 Jahre alt, die Gestalt des spanischen Staates als
durch die Person des Herrschers zusammengehaltene Föderation kulturell und
wirtschaftlich stark verschiedener Gebiete seit dem 16. Jahrhundert festgelegt.
Faktisch war das Land seit dem 11. Jahrhundert unabhängig und seit ca. 1500 die
erste Weltmacht der Geschichte. Nationalismen entwickelten sich eher in den
peripheren Gebieten wie Katalonien oder Baskenland, ein allspanischer integraler
Nationalismus existierte nicht. Spanien verkörperte vielmehr das vage Konzept
einer gemeinsamen Identität der Bevölkerung in den Reichen der Katholischen
Könige. Zu nennen sind hier die gemeinsame katholische Religion (Katholizismus
und Volkskultur waren bis ins 20. Jahrhundert hinein identisch), kulturelle
Gemeinsamkeiten wie Rechtsprechung und Schriftsprache sowie die gemeinsame
Orientierung auf die Reconquista auf der Iberischen Halbinsel bzw. die
nachfolgende Conquista in Amerika – beide wurden von einer Art Kreuzzugsideal
angetrieben. Als größtes und bevölkerungsreichstes Königreich steht dabei
Kastilien als Synonym für Gesamtspanien.
Als Wendepunkt erwies sich die französische Invasion unter Napoleon, die einen xenophoben und royalistischen Nationalismus erweckte. Infolge des Mangels an modernen politischen Inhalten kann man vielleicht besser von einem Neotraditionalismus sprechen. Der moderne zentralistische Staat des 19. Jahrhunderts war hingegen das Produkt eines liberalen Nationalismus, der infolge seines elitären Charakters jedoch eher als schwach einzustufen ist und keine Massenbasis mobilisierte. Erst 1843 erhielt Spanien eine Nationalfahne, es gab keine Nationalhymne und nur ein unterentwickeltes Bildungswesen. Nach Napoleon erlebte das Land keine echte ausländische Bedrohung mehr, der bürgerliche Liberalismus dominierte beinahe 100 Jahre lang und bescherte nichts als Chaos und Stagnation. Der entstehende gesamtspanische Staat, ein in jeder Hinsicht rückständiges Gebilde (das in den Nachwehen der Napoleonischen Kriege den Großteil seines riesigen Kolonialreiches verloren hatte), wurde zum einen von gewaltsamen Fraktionskämpfen der diversen liberalen und konservativen Fraktionen erschüttert, zum anderen erlebte er drei Kriege gegen die ultrakonservativen Karlisten, die in gewisser Hinsicht die Erben des Volksaufstandes von 1808 waren.
Die Karlisten gingen zunächst von den Schlagworten Vaterland und Patriotismus aus, da der Nationalismus mit der französischen Revolution identifiziert und als zu fortschrittlich angesehen wurde. Bald adaptierten sie diesen Begriff und definierten sich in Gegenposition zum Liberalismus oder gar zur Linken als die einzig wahren Spanier. Regionalismus und Dezentralisierung galten ihnen als genuine Ausdrücke historischer spanischer Institutionen, nur so konnten in ihren Augen alle Spanier zufrieden gestellt werden. Nach der kurzlebigen Republik der frühen 70er Jahre ging das 1874 etablierte konstitutionell-monarchistische Restaurationssystem vom Konzept einer vereinigten spanischen Nation aus, während der sich entwickelnde Kulturnationalismus die verschiedenen Volksgruppen anerkannte und eher den Katholizismus als einigendes Band verstand.
Bedingt durch die Kubafrage (die Insel revoltierte gegen die spanische Herrschaft) entwickelte sich in den 1890er Jahren ein offener und aktiverer Nationalismus, der vor allem in der Armee Fuß fasste. Dieser „neue“ Nationalismus stand politisch deutlich weiter rechts und war militaristisch und imperialistisch geprägt. Durch den aufkommenden spanischen Romantizismus wurden auch kulturelle Motive eingebracht. Kritisierte Resteuropa den spanischen Hang zu Grausamkeit, Empfindsamkeit und Gewalttätigkeit („leyenda negra“), so wurden diese Eigenschaften nunmehr zu Nationaltugenden umdefiniert. Ein gleiches galt für die spanische Alltagskultur mit ihren arabischen Einflüssen. Grausamkeit und Härte deutete man zu Tapferkeit um, die Züge der Conquistadores in Amerika verwiesen auf die Abenteuerlust des spanischen Volkes. Hochmut und Stolz des kastilischen Adels empfand man als eine dem bourgeoisen Europa fremde Tugend, und der Fanatismus früherer Zeiten lebte in spiritueller Religiosität wieder auf, ganz im Gegensatz zum europäischen Materialismus. Ein Nationalismus im modernen Sinne wurde weiterhin durch die langsame wirtschaftliche Entwicklung und das Fehlen neuartiger politischer, wirtschaftlicher und kultureller Einflüsse blockiert.
Die Kubakrise eskalierte 1898 in einem Krieg gegen die USA, welcher Spanien eine katastrophale Niederlage und den Verlust seiner verbliebenen Kolonien einbrachte. Für viele zeigte die Katastrophe von 1898 das Unvermögen des bestehenden Staates auf, mit den Problemen des Landes fertig zu werden. Wir haben es hier mit dem ersten postkolonialen Trauma im modernen Europa zu tun, die spanische Gesellschaft litt unter dem Gefühl des vollständigen Scheiterns eines vielleicht missverstandenen 300jährigen Entwicklungsweges. Kurz darauf begründeten Joaquín Costa und andere die literarische Bewegung der Regenerationisten – ein „eiserner Chirurg“ sollte Spanien mit harter Hand modernisieren. Die zerstrittene Bewegung konnte sich nicht gegen die politische Apathie der großbürgerlich-feudalistischen Eliten durchsetzen.
Es folgte die „Generation von 1914“ (vor allem der von Nietzsche beeinflusste José Ortega y Gasset), welche weitaus vehementer für die Modernisierung von Staat, Gesellschaft und Wirtschaft eintrat. Spaniens Nationalitäten sollten in dieser gemeinsamen Anstrengung und Aufgabe vereint werden. Die spanische Nation wurde nicht als unveränderliche Grundlage definiert, sondern als das Produkt einer gemeinsamen Geschichte und gemeinsamer nationaler Unternehmungen – genau hier sollte der spanische Faschismus nur wenige Jahre später ansetzen. Neben die Idee der gemeinsamen Mission traten Erbstücke der Regenerationisten wie die Modernisierungsdiktatur oder der schon 1899 von Ricardo Macías Picavea geforderte Ständestaat. Wichtige Impulse gaben dem spanischen Frühfaschismus der „linke Interventionismus“ Italiens 1914/1915 sowie der italienisch-französische Nationalsyndikalismus nicht zuletzt der an der präfaschistischen Action Francaise orientierte Integralismo Lusitano (1917) in Portugal. Als einzige bedeutende Institution Spaniens unterstützte das Offizierskorps den entstehenden Nationalismus. Die spanische Armee war die prätorianischste in ganz Europa, putschfreudig und immer weiter nach rechts rückend. Ihre Militärs kritisierten nicht nur die linken Revolutionsbestrebungen, sondern auch die Auswüchse des Kapitalismus und die Rückständigkeit des Landes. Auf der anderen Seite des politischen Spektrums hatte sich schon lange eine überaus schlagkräftige und militante Arbeiterbewegung entwickelt. Auch hier weist Spanien eine Sonderentwicklung auf – der dominierende Faktor waren nicht etwa die sozialistischen Parteien, sondern die anarcho-syndikalistische Kampfgewerkschaft CNT.
Am 13. September 1923 putschte sich mit Billigung des Königs Miguel Primo de Rivera, der Generalkapitän von Barcelona, an die Macht und beendete die Existenz des verrotteten bürgerlich-konservativen Restaurationsstaates. Primo de Rivera stand stark unter dem Einfluss der Regenerationisten – der „eiserne Chirurg“ schien gekommen, um Spanien in einer Revolution von oben zu modernisieren. Das Land erlebte den größten Modernisierungs- und Industrialisierungsschub vor den 60er Jahren. Politische Unentschlossenheit und das Fehlen eines echten politischen Programms ließen den Diktator allerdings zwischen alle Fronten geraten, und die steigenden Staatsschulden und der Ausbruch der Weltwirtschaftskrise stürzten das Regime schließlich in die Krise. Eine Radikalisierung nach Vorbild des befreundeten faschistischen Italien war nicht durchsetzbar, auch wenn eine ideologische Einflussnahme des Faschismus erfolgte. Als der General schließlich jeglichen Rückhalt in Bevölkerung, Wirtschaft und Armee verloren hatte, reichte er am 30. Januar 1930 seinen Rücktritt ein, um bald darauf im französischen Exil zu sterben.
Es handelte sich um die erste direkte Diktatur von Länge in der spanischen Geschichte. Primo de Rivera leitete eine Reihe von Reformen ein und sicherte eine Phase der Prosperität für Millionen. Er scheiterte dennoch vollständig, da sich nicht selbst legitimieren konnte bzw. keine politische Alternative fand. Dennoch haben wir es mit einem Wendepunkt zu tun. Das Regime deutete eine autoritär-nationalistische Alternative zum Parlamentarismus an. Mit Korporativsystem, dirigistischer Wirtschaftspolitik, plebiszitären Elementen, organischem Staatsaufbau, starker Exekutive und einer Staatspartei mit Monopol auf die Schlüsselpositionen der Verwaltung sowie auf die politisch-ideologische Wahrheit war es nicht nur ein ideologisches Laboratorium für die neue autoritäre Rechte, sondern entwickelte einen neuen Stil von Symbolismus, Propaganda und Rhetorik und förderte eine Reihe von Aktivisten zutage, die in der radikalen Rechten und unter Franco eine Rolle spielen sollten. Zu Primo de Riveras aufmerksamsten Zuschauern gehörte Brigadier Francisco Franco Bahamonde, damals Europas jüngster General und Kommandeur der neuen Militärakademie von Zaragoza. Er zog das folgenreiche Fazit, dass ein autoritär-nationalistischer Staat Einheit, Recht und Ordnung, militärischen Sieg, nationalen Wohlstand und technische Modernisierung schaffen konnte.
Die Diktatur markierte das Ende der liberalen Kontinuität und der konstitutionellen Monarchie. Sie radikalisierte durch die Vernichtung des Parlamentarismus Teile des Bürgertums nach links, und Republikanismus wie Radikalliberalismus wurden wieder politische Alternativen. Die Monarchie war so weit diskreditiert, dass König Alfons XIII. ins italienische Exil gehen musste – und dadurch einen Bürgerkrieg verhinderte. Es folgte die Zweite Republik, die sich zunächst auf eine Allianz aus Republikanern und Sozialisten stützen konnte. Streitigkeiten zwischen Konservativen und Liberalen, zwischen Bürgerlichen und Linken, zwischen Zentralisten und Regionalisten, zwischen Monarchisten und Republikanern sowie zwischen Sozialisten und Anarchisten lähmten die Republik nachhaltig; das Resultat war ein innenpolitisches wie wirtschaftliches Chaos.
Ernesto Giménez Caballero
Im Dezember 1922 erschien in Barcelona die erste und einzige Ausgabe der Zeitung „La Camisa Negra“. Wie schon der Titel verrät, orientierte man sich am italienischen Vorbild. In der unruhigen und kosmopolitischen Mittelmeermetropole trafen katalanischer und spanischer Nationalismus und linke wie rechte Ideen aufeinander und erzeugten ein aufgeheiztes Klima, und hier entstanden auch die ersten faschistischen und semifaschistischen Splittergruppen. Wie in anderen Ländern auch, so wurden die ersten genuin faschistischen Ideen von kleinen Intellektuellenzirkeln und einigen Aktivisten verbreitet.
Bedeutend für die Entstehung des spanischen Faschismus ist vor allem Ernesto Giménez Caballero. 1899 als Sohn einer wohlhabenden und liberalen Madrider Familie geboren, erlebte er als Wehrpflichtiger den Kolonialkrieg in Spanisch-Marokko. Sein 1923 veröffentlichter Erlebnisbericht „Notas marueccas de un soldado“ löste mit scharfer Kritik an der militärischen Führung einen kleinen Skandal aus, der Giménez Caballero vorübergehend ins Gefängnis brachte. Mit seinem Elitismus der Frontsoldaten erinnert das Buch an den Frontroman der Weimarer Republik, und wie in diesen vergleichbaren Werken wurde auch hier die Frage nach der Rolle der Nation und nach ihrem Platz in der Welt gestellt. In der Folgezeit lehrte der Spanier als Englischdozent an der französischen Universität Straßburg und entwickelte alsbald einen ausgesprochenen Hispanismus als Gegengewicht zu den Einflüssen des westlichen Materialismus. Die Regionen und Völker der Iberischen Halbinsel sollten sich unter einem gemeinsamen Zeichen, einer gemeinsamen Aufgabe („Haz“) vereinigen. Giménez Caballero heiratete die Schwester des italienischen Konsuls in Straßburg und wurde von dieser in die Welt des Faschismus eingeführt. Bald kehrte er nach Madrid zurück und reihte sich hier als Chefredakteur der „Gaceta Literaria“ in die literarische Avantgarde ein.
In dieser Funktion wurde Giménez Caballero zum führenden Autor der „Generation von 1927“. Diese literarisch-intellektuelle Vorhutgruppe strebte nach einer Politisierung der Literatenszene. Eine Kombination der extremistischen Manifestationen des Avantgardismus mit dem kulturellen Nationalismus – nach Vorbild des italienische Frühfaschismus - sollte die Rückwärtsgewandtheit Spaniens überwinden und den Schlüssel zur Lösung seiner Probleme sein. Eine neue Kunst und eine neue Kultur hatten ganz Sinne Nietzsches oder d´Annunzios nichts weniger als die Schaffung eines neuen Menschen zum Ziele. Zunächst war die Gruppe kulturpluralistisch orientiert, sie gewann wichtige Impulse aus der Modernität und Vitalität der Katalanen und Portugiesen. Giménez Caballero machte sich nicht zuletzt um die Ausstellung moderner Literatur aus Katalonien, Portugal, Argentinien und Deutschland in Madrid verdient. Eine Rundreise durch den Mittelmeerraum endete 1928 in Italien, wo er sein Damaskus erlebte – der spanische Avantgardist war überwältigt vom italienischen Faschismus. Es schien ihm, als hätte der Faschismus Rom als Zentrum der modernen Zivilisation und des Christentums wieder belebt: Der PNF entwickelte neue kulturelle und politische Formen, um unter Vereinigung der Intellektuellen und der Masse die Modernisierung und die kohärente innere Entwicklung Italiens durchzuführen. Hierbei stand der Faschismus in den Augen des spanischen Besuchers sowohl für die echte Revolution der Moderne, als auch für die katholisch-lateinische Volkskultur. Er überformte Materialismus und Künstlichkeit, um sie mit der Volkskultur und einer nationalistisch aufgeladenen Atmosphäre zu einer gewalttätigen und weitreichenden nationalen Mission zu verschmelzen. Giménez Caballero schwebte fortan das italienische Modell als Lösung für Spaniens Schwierigkeiten vor, die seiner Ansicht nach vor allem auf die unausgegorene Übernahme nordeuropäischer Ideen zurückzuführen waren.
Das Bekenntnis des Chefredakteurs der „Gazeta“ vom 15. Februar 1929 zum Faschismus löste eine offene Redaktionskrise aus. Zugleich kündigte Giménez Caballero die spanische Übersetzung des Malaparte-Klassikers „Italia contro Europa“ an. Er adaptierte Curzio Malapartes militanten und populistischen Nationalsyndikalismus und erklärte, zur Schaffung eines spanischen Faschismus müsse man viel weiter gehen als der noch an der Macht befindliche Diktator Primo de Rivera. Der eher konservative Teil der Redaktionsmannschaft verabschiedete sich, um protofaschistischen Intellektuellen wie einem gewissen Ramiro Ledesma Ramos zu weichen. Noch vermied Giménez Caballero den Begriff „Faschismus“, thematisierte aber immer mehr die Gewalt als Weg zur kulturellen und nationalen Erneuerung Spaniens. Ein panromanischer Faschismus ging einher mit scharfer Kritik am Rassismus und Antisemitismus der deutschen Rechten, generell waren der Gruppe protestantisch geprägte Nationen suspekt. Allerdings war die „Gazeta“ bei Beginn der Zweiten Republik weitgehend isoliert. Als Giménez Caballero sich der sozialistischen Linken annäherte und dort nach seinen Vorstellungen nahe kommenden Persönlichkeiten suchte, galt er vielen ehemaligen Freunden und Anhängern als Opportunist.
Ramiro Ledesma Ramos und die Geburt des Nationalsyndikalismus
Der philosophische Essayist und Schriftsteller Ramiro Ledesma Ramos sollte dem vagen Projekt Giménez Caballeros eine viel deutlichere, radikalere Form verleihen. War letzterer der erste faschistische Intellektuelle Spaniens, so sollte ersterer den ersten spanischen Faschismus entwerfen. Ledesma Ramos wurde 1905 in eine Lehrerfamilie der Provinz Zamora hineingeboren. Zunächst lebte er als Postbeamter in Madrid und entwickelte sich als Autodidakt zum pessimistischen Intellektuellen. Sein Erstlingswerk „El sello de la muerte“ verrät deutliche Nietzsche-Einflüsse. Nach einer Vorlaufzeit konnte der verhinderte Philosoph sich an einem angesehenen Institut der Madrider Universität immatrikulieren und dort 1930 seinen Abschluss in Philosophie machen. Schon vor Beendigung des Studiums galt er als der belesenste Jungintellektuelle der Hauptstadt und erwarb sich einen Namen als Übersetzer deutscher Philosophen und als Essayist.
Der in den Salons von Ortega y Gasset und Giménez Caballero verkehrende Ledesma Ramos kam bald nach Studium Husserls und Heideggers zu dem Schluss, die Angst und die Bedeutungslosigkeit des menschlichen Lebens könnten nur durch den Willen und das Erreichen von Zielen bezwungen werden, wobei die von den Anarchisten entlehnte Direkte Aktion als probates Mittel erschien. Die spanische Kultur galt ihm als mangelhaft, da Spanien als einzige große Nation keine bedeutende Philosophie und keine intellektuelle Diktatur entwickelt habe. Unter Rekurs auf die Hispanisten formulierte Ledesma Ramos, der Niedergang des Landes sei durch eine Kombination von militärischen und kulturellen westlichen Einflüssen hervorgerufen worden. Eine Rückkehr zur Vergangenheit wurde verworfen – Spanien brauchte eine moderne Revolution mit Massenbasis, Autorität, Willenskaft, nationaler Einheit, zentraler Führung und einem revolutionären Wirtschaftsprogramm. Spanien brauchte also so etwas wie den Faschismus. Die Madrider Kulturbourgeoisie reagierte irritiert, als ihr bisheriger Liebling sich im Rahmen eines literarischen Banketts zu Ehren von Giménez Caballero zu seiner Radikalisierung bekannte. Nach Studienende begab Ledesma Ramos sich auf Reisen und verbrachte unter anderem 4 Monate in Heidelberg, wo er in engen Kontakt mit der als besonders extrem geltenden Ortsgruppe des NS-Studentenbundes geriet.
Zum Entsetzen seines bisherigen sozialen Umfeldes gründete Ramiro Ledesma Ramos zusammen mit einer Handvoll Sympathisanten die Zeitschrift „La Conquista del Estado“, die sich nicht nur äußerlich an Curzio Malapartes gleichnamiges Pamphlet (faktisch eine Theorie des Staatsstreiches) anlehnte und am 14. März 1931 erstmals erschien. Emblem der Zeitschrift waren Joch und Pfeile, „yugo y flechas“, das Symbol von Ferdinand und Isabella, den Katholischen Königen. Ein politisches Manifest bombardierte den Leser mit Parolen gegen Liberalismus, gegen den internationalen Marxismus und die Dekadenz der spanischen Gegenwart.
Spaniens Jugend wurde aufgerufen, durch gewaltsames Vorgehen gegen die bestehende Ordnung und die Parteien einen Neuen Staat zu schaffen. Dieser neue Staat sollte totalitäre Züge tragen, Freiheit gewährte er nur innerhalb der von ihm gesetzten Ordnung. Zwar wurden die Verschiedenheit und die Autonomie der spanischen Regionen und Nationalitäten anerkannt, aber der Separatismus sollte ausgerottet werden. Aufgabe des Neuen Staates war die Erfüllung der politischen, kulturellen und wirtschaftlichen Ziele des spanischen Volkes. Die gesamte spanische Wirtschaft war in Zwangssyndikaten zusammenzufassen, die wiederum zwecks höherer Effektivität und vermehrter sozialer Gerechtigkeit der staatlichen Kontrolle unterstanden. Hier zweckentfremdete Ledesma Ramos den anarchistischen Syndikatsbegriff: Verstanden die Anarchisten der CNT hierunter die Zusammenfassung aller Arbeitnehmer, so ging er von einem vertikalen Syndikat unter Einschluss der Arbeitgeber aus. Das Programm sah eine radikale Landreform mit Enteignung der parasitären Großgrundbesitzer, Landverteilung an das Agrarproletariat und Genossenschaftsbildung vor. Darüber hinaus forderten Spaniens erste Nationalsyndikalisten die Verstaatlichung der Schlüsselindustrien, der Banken, der Versicherungen und des Transportwesens, strikte Außenhandelskontrolle und staatliche Wirtschaftsplanung.
Der Gruppe schwebte nicht die Gewinnung von Wählerstimmen vor, sondern der Aufbau von militanten und bewaffneten Kampfverbänden. Diese Milizen sollten den als anachronistisch und bourgeois empfundenen pazifistischen Antimilitarismus zertrümmern und die Politik durch einen militärischen Sinn für Kampf und Verantwortung anreichern. Als organisatorische Grundlagen der Bewegung waren syndikalistische (gewerkschaftliche) und politische Zellen vorgesehen. Ledesma Ramos war sich bewusst, dass er eine spanische Form des revolutionären Nationalismus schaffen musste. Nicht umsonst war und bleibt er der aggressivste und rücksichtsloseste nationalistische Intellektuelle, den Spanien jemals hervorgebracht hat.
Die Klärung des Verhältnisses zur noch immer mächtigen katholischen Kirche erfolgte in der „Conquista“-Ausgabe vom 20. Juni 1931. Ledesma Ramos verkündete, die Kirche könne niemals irgendeine Souveränität gegenüber dem Staat beanspruchen. Zwar seien die religiösen Gefühle der Bevölkerung zu respektieren, aber die katholische Kirche sei über Jahre an Verbrechen gegen den Wohlstand des spanischen Volkes beteiligt gewesen – der Staat müsse daher ihre Rolle neu definieren. Verklausuliert hieß das Enteignung und strikte Trennung von Kirche und Staat. "Die nationale Revolution ist ein Unternehmen, das es als Spanier zu verwirklichen gilt, katholisches Leben hat damit nichts zu tun, denn es betrifft nicht den Spanier, sondern den Menschen, der seine Seele retten will." Hier wurde also nicht an die traditionelle katholisch bestimmte Gesellschafts- und Staatsordnung angeknüpft. Die Propaganda wandte sich ohnehin an die sozial benachteiligten Schichten wie Landarbeiter und Industrieproletarier, die der Kirche weitgehend entfremdet waren. Durch die Parolen vom syndikalistischen Staat sollten von den Grabenkämpfen innerhalb der CNT frustrierte Anarchisten gewonnen werden, bei denen schließlich auch Malaparte einen gewissen Ruf besaß. Das Werben um die Ultralinke hatte wenig Erfolg, auch wenn sich der Madrider Anarchistenführer Nicasio Álvarez de Sotomayor der Gruppe anschloss. Im Juli 1931 landete Ledesma Ramos als Folge seiner aggressiven Agitation erstmals im Gefängnis, und nach mehreren Ermittlungsverfahren und Verboten stellte die „Conquista del Estado“ im Oktober ihr Erscheinen für immer ein. Trotz der Bedeutungslosigkeit der Gruppe hatte Ramiro Ledesma Ramos als erster die Idee eines revolutionären Nationalsyndikalismus propagiert und der Bewegung wichtige Schlagworte gegeben.
Juntas de Ofensiva Nacional-Sindicalista
Onésimo Redondo Ortega, der dritte wichtige spanische Frühfaschist, wurde wie Ledesma Ramos im Jahre 1905 geboren, und zwar in Valladolid. Redondo Ortega war zunächst als Finanzbeamter tätig und arbeitete dann als wissenschaftlicher Assistent an der Handelsschule Mannheim, wo er ebenfalls mit dem Nationalsozialismus in Berührung kam. Anschließend beschäftigte ihn ein Verband altkastilischer Großgrundbesitzer, wobei er Einblicke in Fragen der wirtschaftlichen Organisation gewann. Die Kontakte zu den ländlichen Arbeitgebern Altkastiliens sollten niemals abreißen. Um Redondo Ortega sammelte sich ein weiterer Zirkel spanischer Faschisten, der sich im Gegensatz zum Radikalfaschismus der „Conquista“-Gruppe eher auf nationale Einheit, traditionelle spanische Werte und soziale Gerechtigkeit besann. Am 13. Juni 1931 erschien die Wochenzeitung „La Libertad“. Unter Verherrlichung der traditionellen ländlichen Gesellschaftsordnung wurde Kastilien aufgerufen, den spanischen Gesamtstaat vor Materialismus und Kulturzersetzung zu retten.
Da der politische Katholizismus als unzureichend erschien, strebte Redondo Ortega den Aufbau einer radikal-nationalistischen Jugendbewegung an – konservativ in Religions- und Kulturfragen, aber militant in Stil und Taktik. Die „Libertad“ bekannte sich offen zu einer gesunden Gewaltanwendung. Spanien lebe bereits im Zustand des Bürgerkrieges, also solle sich die Jugend zum Kampf bereitmachen. Im August gründete der Zirkel zusammen mit Studenten der Universität Valladolid und anderen Anhängern die „Juntas Castellanas de Actuación Hispánica“. Zwar war diese Gruppierung deutlich reaktionärer als Ledesma Ramos, aber im Kampf gegen Materialismus, Dekadenz und Bourgeoisie lagen erhebliche Gemeinsamkeiten.
Am 10. Oktober 1931 kündigte die „Conquista del Estado“ den Zusammenschluss beider Fraktionen zu den „Juntas de Ofensiva Nacional-Sindicalista“ (Nationalsyndikalistische Angriffsgruppen, JONS) an. Man übernahm yugo y flechas, zu denen sich als Symbol für den revolutionären Charakter der Bewegung die schwarz-rote Fahne gesellte. Basiseinheit war die Gruppe aus 10 Militantes unter einem Gruppenführer; 10 Gruppen wiederum bildeten eine Junta unter Leitung eines Triumvirates. Der Lokalrat, consejo local, als Parteigremium auf unterster Ebene setzte sich aus allen Triumviraten der betreffenden Gemeinde zusammen. Auch dem consejo local stand ein Dreiergremium vor. Die Lokalräte entsandten Delegierte in den consejo provincial, und die Delegierten der Provinzialräte bildeten schließlich den consejo nacional. Als höchstes Parteiorgan erteilte der Nationalrat bindende Befehle, Richtlinien und Mitteilungen. Die Geschäftsführung hatte ein aus den Reihen des consejo nacional gewähltes Zentraltriumvirat inne. Zu einer echten Verschmelzung kam es nicht, und faktisch bestanden die Jonsistas aus zwei verschiedenen Flügeln um Ledesma Ramos und Redondo Ortega. Ungeachtet der angesichts der zahlenmäßigen Schwäche maßlos übertriebenen Organisationsstruktur verhinderte diese doch, dass es eine absolute Befehlsgewalt eines Einzelnen gab. Als erste überregionale faschistische Organisation standen die JONS sowohl in Frontstellung gegen die Linke wie gegen die katholische und monarschistische Bourgeoisie.
Das Programm der JONS stellte gegenüber dem der „Conquista“-Gruppe einen Rückschritt dar. Der Parlamentarismus sollte durch ein sich auf die nationalsyndikalistischen Milizen und die Volksmassen stützendes Regime abgelöst werden. Innenpolitisch waren einerseits Anerkennung der katholischen Tradition, Unterordnung des Individuums unter die Ziele des Vaterlandes, Säuberung der Verwaltung, Verbot aller marxistischen und antinationalen Parteien, Ausmerzung ausländischer Einflüsse und Aburteilung von Spekulanten und verräterischen Politikern vorgesehen. Auf der anderen Seite enthielt das Programm aber auch das Konzept der Zwangssyndikate (die unter dem besonderen Schutz des Staates stehen sollten) und der staatlichen Wirtschaftskontrolle. Aller Reichtum hatte sich den Belangen der Nation unterzuordnen, zu denen explizit der wirtschaftliche Aufbau, soziale Gerechtigkeit, Chancengleichheit im Bildungswesen und eine gemäßigte Agrarreform gehörten. Gänzlich neu war die Forderung nach einer imperialistischen Außenpolitik, vor allem in Hinblick auf Gibraltar, Marokko und Algerien. Erwähnt sei noch die interessante Bestimmung, dass im Neuen Staat die Inhaber höchster Ämter mit Erreichen des 45. Lebensjahres zurückzutreten hatten.
Redondo Ortega führte infolge seiner größeren finanziellen Möglichkeiten zunächst das Wort, aber für Ledesma Ramos blieb infolge zahlreicher vager Definitionen Freiraum genug. Die Expansion der JONS erfolgte vor allem im so genannten „anarchistischen Bogen“ Spaniens zwischen Barcelona, Valencia und Málaga sowie in Madrid. Gerade hier etablierte sich eine stark mit ehemaligen Anarchisten durchsetzte und entschieden antiklerikale Gruppe. Im Verlauf des Jahres 1932 waren die Jonsistas kaum aktiv. Ledesma Ramos provozierte am 2. April 1932 im Madrider Athenäum den ersten Zusammenstoß mit Linken, es folgten Angriffe auf linke Zeitungskioske oder Sowjetfilme zeigende Kinos. Die Fraktion Redondo Ortegas zeigte sich aktiver und lieferte sich mehrfach heftige Auseinandersetzungen mit politischen Gegnern. Auf einer Demo gegen den katalanischen Separatismus am 11. Mai 1932 in Valladolid hatte die Bewegung ihren ersten Toten zu beklagen, als es zu einer Straßenschlacht mit der Polizei kam. Da der rechte Parteiflügel am Rande in den dilettantischen Rechtsputsch des General Sanjurjo verwickelt war, musste Redondo Ortega sich im August 1932 nach Portugal absetzen. Ledesma Ramos und der Großteil der Aktivisten wurden zunächst inhaftiert, und am Jahresende zählten die JONS vielleicht 200 auf freiem Fuß befindliche Mitglieder.
José Antonio und die Gründung der Falange 1933-1934
José Antonio Primo de Rivera, der wohl prominenteste spanische Faschist, ist die einzige Person der spanischen Zeitgeschichte, die sowohl von Freunden und Feinden als auch von Historikern mit dem Vornamen benannt wird. José Antonio wurde 1903 als Sohn des späteren Militärdiktators Miguel Primo de Rivera geboren; nach dem Tod des Vaters erbte er auch dessen Titel als Marqués de Estella. Die Mutter verstarb früh, und die Kinder des Generals wuchsen bei ihrer Tante auf. Als Abkömmling einer Familie, deren männliche Nachkommen seit 300 Jahren als Berufsoffiziere dienten, besaß José Antonio von Haus aus Gefühl für Autorität und soldatische Haltung. Interessanterweise lehnte der Vater eine militärische Karriere für den Sohn ab, so dass dieser sich dem Jurastudium widmete und 1923 promovierte. Aus dieser Zeit stammte auch die Freundschaft zu Ramón Serrano Suner, welcher später für die Geschichte des spanischen Faschismus von Bedeutung sein sollte. Ebenfalls ein Kind der Studienzeit war die herzhafte Abneigung, die ihn mit Gil Robles, dem späteren Führer der rechtskatholischen CEDA, verband. Nach dem Wehrdienst bei der Kavallerie, den er als Leutnant der Reserve beendete, eröffnete José Antonio 1925 eine Kanzlei in Madrid und erwies sich bald als hochtalentierter Rechtsanwalt. Hochgewachsen, gutaussehend, sportlich, gebildet und charmant war er eine gewinnende Persönlichkeit, zu deren Schattenseiten allerdings Anfälle des Jähzorns gehörten. Unter anderem verlor der Sohn des Militärdiktators sein Leutnantspatent, weil er im Rahmen einer erhitzten Diskussion General Gonzalo Queipo de Llano verprügelte, einen nachmaligen Mitstreiter Francos.
Die politische Karriere des sich in den höchsten gesellschaftlichen Kreisen bewegenden Rechtsanwalts wurde nicht etwa durch die Diktatur des Vaters eingeleitet, sondern durch dessen Scheitern. José Antonio verteidigte den Namen seiner Familie und den sterbenden Vater und beschloss, dessen Werk fortzusetzen. Zunächst betätigte er sich auf dem Gebiet des Journalismus, wobei sich Einflüsse der Regenerationisten und Ortega y Gassets bemerkbar machten – die beiden waren durch eine regelrechte Hassliebe verbunden. Am 2. Mai 1930 avancierte José Antonio um stellvertretenden Generalsekretär der monarchistischen Partei UNM, um die sich die unverdrossenen Anhänger von Königtum und autoritärem Staat scharten. Die erste öffentliche Rede am 6. Oktober 1930, gehalten in Bilbao, offenbarte sein herausragendes rhetorisches Talent. Allerdings übte José Antonio sich in einem äußerst literarischen Stil, so dass seine Reden mitunter kaum adäquat ins Deutsche übersetzbar sind.
Als frühe politische Programmpunkte lassen sich nationale Einheit und wirtschaftliche Unabhängigkeit Spaniens, Verstärkung des Militärs und Schaffung einer disziplinierten Gesellschaft ausmachen, also ein autoritärer und militaristischer Nationalismus mit wirtschaftspolitischen Forderungen. Hierbei hatte die Rettung Spaniens Vorrang vor irgendwelchen Verfassungsprinzipien. José Antonios Radikalismus zeigte sich erstmals in wüsten Ausfälligkeiten gegen die weltfremden Intellektuellen Spaniens und in dem für einen Rechten ungewöhnlichen Bekenntnis zur Trennung von Kirche und Staat. Schon bald erkannte José Antonio, dass eine neue Ordnung nicht nur reaktionär und autoritär sein durfte, sondern auch progressive sozialpolitische Inhalte haben musste – die Rechte des Individuums waren zu berücksichtigen. Der Republik warf er Doppelzüngigkeit vor, verurteilte sie doch die Diktatur und ging im gleichen Atemzug rücksichtslos gegen ihre Gegner vor. Infolge mangelnder Mobilisierung der Rechten unterlag der aufstrebende Agitator im Oktober 1931 bei einer Nachwahl in Madrid. Kurz darauf wurde er unter dem Vorwand einer monarchistischen Verschwörung vorübergehend inhaftiert. Hierauf folgte der Rückzug in die einträgliche Anwaltstätigkeit. Auch eine erneute Verhaftung nach dem Sanjurjo-Putsch von 1932 war vollkommen unbegründet.
Die nationalsozialistische Machtergreifung im Januar 1933 löste eine zweite faschistische Welle in Europa aus. Erstmals hatten die Jonsistas einen gewissen Zulauf von Arbeitern und Studenten (obwohl Ledesma Ramos wieder einmal wegen staatsfeindlicher Agitation einsaß), und als Ausdruck des Zeitgeistes gab Manuel Delgado Barreto die Wochenzeitung „El Fascio: Haz Hispano“ heraus, die allerdings gleich nach Erscheinen der Erstlingsnummer vom 16. März 1933 verboten wurde. Zu den Autoren gehörten Ramiro Ledesma Ramos, Ernesto Giménez Caballero und José Antonio Primo de Rivera. Bei José Antonio traten erstmals starke Einflüsse des italienischen Faschismus hervor. Er verwarf das demokratische System und den an schwankenden Mehrheiten orientierten liberalen Staat: "Der liberale Staat glaubt an nichts, nicht einmal an sich selbst...Sämtliche Ziele des Neuen Staates lassen sich in einem Worte zusammenfassen: Einheit. Das Vaterland ist eine allen einzelnen Gruppen übergeordnete geschichtliche Einheit. Dieser Einheit haben sich Klassen und Individuen zu beugen. Ihr Aufbau soll sich auf die folgenden beiden Grundsätze stützen: 1. Was den Zweck des Staates betrifft, so muss er das Instrument im Dienste jener überwirklichen Einheit sein. Nichts kann gut sein, was sich ihr entgegenstellt, gleichgültig, ob es von vielen oder von wenigen unterstützt wird. 2. Die Form des Staates verlangt nationale Solidarität, beherzte und brüderliche Zusammenarbeit. Der Klassenkampf und die todbringende Auseinandersetzung der Parteien sind unvereinbar mit unserer Auffassung von den Aufgaben des Staates. Eine neue Politik zu finden, in der diese beiden Grundsätze sich vereinigen, das ist die Aufgabe, die der Generation unserer Zeit von der Geschichte zugewiesen ist." Der Faschismus verbinde sich nicht nur mit dem Leben Mussolinis, sondern sei eine bleibende nationale Einrichtung. Ziel des neuen spanischen Nationalismus sollte die auf immer währende Eroberung des Staates werden. Das von den Sozialisten erwirkte Verbot des Blattes wurde ironischerweise von Ledesma Ramos und den linken Jonsistas begrüßt, da es den reaktionären Klüngel um Delgado Barreto mundtot machte. In der öffentlichen Diskussion um die Affäre verteidigte José Antonio gegenüber gemäßigten Rechtskreisen den Faschismus als über den politischen Flügeln stehendes Modell für Spanien. Zu diesem Zeitpunkt stand er bereits unter dem Einfluss italienischer Autoren, aber auch Hitler und Rosenberg verfehlten ihre Wirkung nicht. Zwar stellte die Modernisierungsdiktatur des Vaters noch immer einen wichtigen Anknüpfungspunkt dar, aber die Notwendigkeit eines neuen, revolutionären Nationalismus war unumstößlich: „Der Faschismus beunruhigt Europa. Er ist ein Weg zu umfassender Erkenntnis: der Geschichte, des Staates, der Methoden der Proletarisierung des öffentlichen Lebens, ein neuer Weg zur Erkenntnis der Erscheinungsformen unserer Epoche."
Direkt nach dem Verbot des „Fascio“ leitete José Antonio gemeinsam mit Sancho Dávila in Madrid, Sevilla und Cádiz die Sammlung von Sympathisanten eines radikalen Nationalismus ein. Zu den frühen Aktivisten gehörten Raimundo Fernández Cuesta, Alfonso García Valdecasas als ehemaliger Mitarbeiter von Ortega y Gasset und vor allem der Transatlantikflieger Julio Ruíz de Alda, der wiederum Kontakte zu Ledesma Ramos unterhielt. Angesichts seines eher empfindsamen und kultivierten Wesens war José Antonio klar, dass er eigentlich nicht das Zeug zum robusten und öffentlichkeitswirksamen caudillo (Führer) hatte, aber genau diesen brauchte es, um die Idee eines neuen Nationalismus umzusetzen. Das bodenständige Organisationstalent Ruiz ergänzte ihn daher sehr gut. Der Kreis trat für eine militante, opferbereite und hochmotivierte Bewegung ein, die sich auf die jüngere Generation konzentrieren sowie Arbeiter und Intellektuelle integrieren sollte. Vor allem aber sollte es sich nicht um eine primitive Aktion der Klassenverteidigung oder gar des „feigen Kapitalismus“ handeln – der spanische Faschismus sollte sich klar von der traditionellen Rechten abheben. Erster organisatorischer Rahmen der Gruppe war der Movimiento Sindicalista Espanol MSE.
Zur gleichen Zeit erlebten wie erwähnt die JONS einen deutlichen Aufschwung, beispielsweise traten nach der ersten Kundgebung an der Uni Madrid 400 Studenten Organisation bei. Die Expansion an der Uni war von Krawallen begleitet, getreu ihrer militanten Tradition bauten die Jonsistas ihre ersten Pistolero-Gruppen von je 5 Mann auf. Für weitere Aufmerksamkeit sorgte die Herausgabe der neuen Monatszeitung „Juntas de Ofensivas Nacional-Sindicalistas“, und die Bewegung weitete sich auf Granada, Valencia, Santiago de Compostela, Bilbao und Barcelona aus. In Galicien konnte der Kommunistenführer Santiago Montero Díaz für den Nationalsyndikalismus gewonnen werden. Im Juni formulierten die „JONS“: „Freiheit? Wir antworten mit dem entscheidenden Satz Gentiles: Auch der Faschismus gewährt den Staatsbürgern Freiheit, aber eine Freiheit innerhalb des Staates gemäß dem Willen und dem allgemeinen Einverständnis der Nation." Als die Jonsistas am 14. Juli 1933 ihre Militantes gegen die Büros der „Freunde der Sowjetunion“ in Madrid aussandten, kam es zu tagelangen kommunistischen und anarchistischen Unruhen. Die Regierung antwortete mit einer Verhaftungswelle, bei der Tausende von linken wie rechten Republikgegnern inhaftiert wurden. Ledesma Ramos landete wieder einmal hinter Gittern, aber auch der MSE war betroffen und wurde faktisch zerschlagen.
Nach der Affäre begaben José Antonio wie auch Ledesma Ramos sich auf die Suche nach Geldgebern. Diese wurden vor allem in Gestalt der Rechtsmonarchisten von der Renovación Espanola gefunden, aber auch andere Gruppen und Personen zahlten – sie gedachten, den entstehenden spanischen Faschismus als Schocktruppe der Reaktion zu nutzen. Allerdings war José Antonio hierbei weitaus erfolgreicher als der radikale Ledesma Ramos. Der Grund dürfte nicht zuletzt in einem von der MSE-Gruppe unterzeichneten Zehnpunkteabkommen zu sehen sein. José Antonio verpflichtete sich zur Einhaltung bestimmter Prinzipien: Staatsaufbau anhand von Autorität, Hierarchie und Ordnung, Abschaffung des Parlamentarismus, Schaffung eines Korporativsystems nach italienischem Vorbild, Unterstützung des Katholizismus und Gewaltanwendung gegen politische Gegner. Verhandlungen über den Zusammenschluss beider Gruppen scheiterten jedoch an der Ablehnung von Ledesma Ramos, der als Prototyp des revolutionären Intellektuellen seinen Rivalen aus politischen wie persönlichen Gründen ablehnte.
Eine Informationsreise führte José Antonio im Oktober 1933 nach Italien, wo er unter anderem von Mussolini empfangen wurde. Die Fahrt bekehrte ihn endgültig zu einem glühenden Bewunderer des Faschismus, den er gegen die Vorwürfe der rechtskatholischen CEDA-Partei verteidigte. In dieser ist übrigens auch eines der Haupthindernisse für den Aufstieg des spanischen Nationalsyndikalismus zu sehen. Die CEDA strebte ebenfalls nach einem autoritären und korporativen Staat und blockierte als personell stärkste Partei Spaniens jahrelang die Entwicklung der radikaleren Konkurrenz.
Am 29. Oktober 1933, mehr oder weniger am Jahrestag des Marsches auf Rom, war es so weit: Im Teatro de la Comedia zu Madrid gründete José Antonio Primo de Rivera die Falange Espanola. Der Begriff „Falange“ ist mit einiger Wahrscheinlichkeit bei Giménez Caballero entliehen und bezieht sich auf die Phalanx der hellenischen Antike. Ein Triumvirat, bestehend aus José Antonio, Ruíz de Alda und Valdecasas (der unmittelbar nach der Veranstaltung zurücktrat), übernahm die Leitung der neuen Bewegung. Unter den 2000 Gästen befand sich eine Abordnung der JONS unter Ledesma Ramos persönlich. José Antonio als Hauptredner geißelte die Auswüchse des Liberalismus und sprach sich für einen dritten, auch spirituellen, Weg zwischen Kapitalismus und Sozialismus aus: „Deshalb musste der Sozialismus entstehen, und entstand zu Recht (wir schrecken vor keiner Wahrheit zurück). Die Arbeiter mussten sich gegen jenes System wehren, das ihnen Rechte nur versprach, sich aber nicht darum kümmerte, ihnen ein lebenswürdiges Dasein zu verschaffen. Der Sozialismus war die legitime Reaktion gegen die liberale Sklaverei, aber er verfehlte sein Ziel, weil er sich erstens der materialistischen Lebens- und Geschichtsauffassung verschrieb, zweitens sich vom Wunsch nach Vergeltung leiten ließ und drittens die Lehre vom Klassenkampf predigte. Die sozialistischen Apostel, an welche die armen Arbeiter glauben, haben in ihren eiskalten Stuben leidenschaftslos den Sozialismus ausgeklügelt...Der Sozialismus dieser Apostel sieht in der Geschichte lediglich ein Spiel wirtschaftlicher Spannung. Das Geistige wird unterschlagen, die Religion ist Opium fürs Volk, das Vaterland ist ein Märchen, um die unglücklichen Armen auszubeuten. Es gibt nur Produktion und Organisation. Daher muss der Arbeiter seine Seele sozusagen ausquetschen, damit auch nicht der geringste Tropfen Geistigkeit darin zurückbleibt. Der Sozialismus trachtet nicht danach, die durch das Chaos der liberalen Staaten zerstörte soziale Gerechtigkeit wiederherzustellen; er will Vergeltung, er will die liberalen Staaten in der Ungerechtigkeit womöglich übertreffen. Schließlich verkündet der Sozialismus das ungeheuerliche Dogma vom Klassenkampf. Er lehrt, Kämpfe zwischen den Klassen seien unabwendbar, sie brächen im Leben zwangsläufig aus, weil nichts auf der Welt die Gegensätze überbrücken könne. Der Sozialismus, der als berechtigte Kritik am wirtschaftlichen Liberalismus entstand, brachte uns das gleiche wie dieser, nur auf einem anderen Wege: Er brachte die Zersetzung, den Hass, die Zersplitterung, das Zerreißen aller Bande der Brüderlichkeit und der Solidarität unter den Menschen."
Die Puntos Iniciales als erstes Programm der Falange wurden am 7. Dezember 1933 im neuen Parteiorgan „Falange Espanola“ veröffentlicht. Zu den obersten Geboten zählte die Einheit Spaniens als Schicksalsgemeinschaft, die über allem anderen stehen sollte: "Ergo Spanien existiert. 1. als etwas Verschiedenes von allen Individuen, Klassen und Gruppierungen, aus denen es sich zusammensetzt. 2. als etwas allen diesen Individuen, Klassen und Gruppierungen und sogar ihrer aller Gesamtheit Übergeordnetes. Also Spanien, das als eine verschiedenartige und übergeordnete Wirklichkeit existiert, muss seine eigenen Ziele haben. Diese Ziele sind: 1. Die Wahrung seiner Einheit, 2. Das Wiederaufleben seiner inneren Vitalität, 3. Die Teilhabe mit führender Stimme an den geistigen Weltunternehmen. II. Um diese Ziele zu erreichen, stößt Spanien auf ein großes Hindernis: es ist gespalten. 1. Durch den lokalen Separatismus. 2. Durch den Kampf der politischen Parteien, 3. Durch den Klassenkampf.“ Als organische Grundlagen des spanischen Staates galten Gemeinde, Familie und Arbeitsplatz, nicht die als widernatürlich empfundenen Parteien: „Aber niemand wird geboren oder lebt, naturgemäß, in einer politischen Partei. Die politische Partei ist ein künstliches Gebilde, das uns mit Leuten anderer Gemeinden und anderer Berufe verbindet, mit denen wir nichts zu tun haben. Sie trennt uns von unseren Nachbarn und unseren Arbeitskollegen, mit denen wir wirklich zusammenleben. (…) Der neue Staat wird, da er der Staat aller, totalitär ist, die Zielsetzungen jeder einzelnen und der ihn integrierenden Gruppen als seine eigenen Zielsetzungen betrachten und sich um die Interessen aller sorgen, so als ob es für sich selbst sei. (…) Falange Espanola betrachtet den Menschen als eine Einheit von Leib und Seele, das heißt, als fähig zu einer ewigen Bestimmung, da er Träger ewiger Werte ist. Daher wird der menschlichen Würde, der Integrität des Menschen und seiner Freiheit höchster Respekt gezollt. Aber diese tiefe Freiheit ist kein Freibrief gegen die Grundlagen des öffentlichen Zusammenlebens. Man kann doch nicht zulassen, dass ein ganzes Volk Experimentierfeld für die Kühnheit oder die Extravaganz irgendeines Subjekts wird; wir alle sollen die wahre Freiheit haben, diejenige, welche nur der erlangt, der Teil einer starken und freien Nation ist. Niemand soll die Freiheit haben, zu stören, die Leidenschaften aufzuhetzen und zu vergiften, die Grundlagen jeder dauerhaften politischen Organisation zu unterminieren. Diese Grundlagen sind: AUTORITÄT, HIERARCHIE und ORDNUNG.“
Der Aufbau des neuen Staates sollte sich auf die Integrität der Familie, die Autonomie der Gemeinde und die Autonomie der Syndikate von Arbeitnehmern und Arbeitgebern eines Wirtschaftszweiges stützen. Als direkte Staatsorgane der wirtschaftlichen Selbstverwaltung und Steuerung hatten die Syndikate Anspruch auf besonderen staatlichen Schutz. Zwar galt der Katholizismus als Grundlage der kulturell-geistigen Erneuerung Spaniens, aber dem Staat gebührte der Vorrang vor der Kirche. Beide Bereiche waren strikt voneinander zu trennen, vor allem aber sollte keinerlei Einmischung des Klerus in Angelegenheiten geduldet werden, von denen die Würde des Staates und die nationale Einheit tangiert waren. Die Falange Espanola war als klassische Anti-Partei konzipiert, welche als Instrument der nationalen Einheit dienen sollte. Gesellschaftliche Klassen und Parteien wurden strikt verworfen.
Noch waren die programmatischen Gesichtspunkte nur vage ausformuliert, die JONS stellten sich deutlicher und faschistischer dar. Nicht zu Unrecht bemängelten Beobachter wie Giménez Caballero, im Teatro de la Comedia habe eher ein literarisches Treffen als eine faschistische Kampfveranstaltung stattgefunden. Dennoch konnte die Falange bis Jahresende 2000 Mitglieder rekrutieren, vor allem frustrierte junge Parteigänger alter Rechtsgruppierungen und genuine Faschisten aus der spanischen Studentenschaft. Als erste echte Parteigliederung entstand noch im November 1933 das Sindicato Universitario Espanol SEU, das sich nicht weniger als die gewaltsame Vernichtung der linken und republikanischen Studentenorganisationen zum Ziel gesetzt hatte. Gerade die SEU sollte sich zum militantesten Bestandteil des Falangismus entwickeln. Den Aufbau leitete Manuel Valdés Larranaga, der gezielt versuchte, die katholischen Studentenverbände auf falangistischer Seite in den Dauerkonflikt an den Unis hineinzuziehen. Zugleich war die SEU auch der Motor der Parteiausdehnung, die oftmals über Spaniens Universitäten erfolgte.
Ein weiterer Erfolg war die Wahl José Antonios ins spanische Parlament. Allerdings kandidierte er nicht als Falangist, sondern als Nationalist und Abkömmling seiner Familie auf einer rechten Listenverbindung in Cádiz. Die Kandidatur war eine Schizophrenie der politischen Taktik, denn José Antonio trat auf einer reaktionären Liste an, während er gleichzeitig den Parlamentarismus vehement bekämpfte. Als weiterer Abgeordneter assoziierte sich nun der Marqués de Eliseda mit der Falange. Eigentlicher Wahlsieger war die CEDA, was einen Rückschlag bedeutete, denn nun hatte es den Anschein, als wäre auch mit legalistischen Taktiken etwas zu erreichen. Als Parteiorgan erschien ab dem 7. Dezember 1933 (unter Mitarbeit von Giménez Caballero) wöchentlich die „Falange Espanola“. Das Blatt wurde immer wieder durch die republikanische Zensur und Verbote behindert, zudem griff die Linke laufend die Straßenverkäufer an. Stilistisch war die „FE“ literarisch-ästhetizistisch geprägt und blieb hinter den Erwartungen der Anhängerschaft zurück. Das Propagandaorgan eines aggressiven neuen Nationalismus erinnerte eher an eine Literaturzeitschrift. Trotz aller Dementis und Distanzierungsbemühungen orientierte man sich mehr oder weniger offen an Italien und dem europäischen Faschismus; das nationalsozialistische Vorbild spielte eine deutlich geringere Rolle. Vor allem der Biologismus des NS-Regimes war dem Großteil der Falangisten suspekt.
Die ohnehin durch den Aufstieg der CEDA und die Provokationen der JONS gereizte Linke bekämpfte den erstarkenden Nationalsyndikalismus nunmehr mit Erbitterung. Bis Jahresende wurden 3 Jonsistas ermordet, und auch Ruíz de Alda entkam nur knapp einem sozialistischen Mordkomplott. Der Straßenverkauf der „Falange Espanola“ zog auch die Falangisten in den Strudel der Gewalt hinein und führte zu unablässigen Zusammenstößen. Am 11. Januar 1934 erschossen Linke an der Uni Madrid einen studentischen Leser der „FE“, der fortan als erster Gefallener der Bewegung angesehen wurde. Die Krawalle in Madrid, an denen José Antonio und Ruíz de Alda sich persönlich beteiligten, weiteten sich auf Sevilla und Zaragoza aus.
Bereits im Dezember 1933 führte Ledesma Ramos in „JONS“ die Voraussetzungen für die Eroberung des Staates aus. Die Revolution sollte durch eine militärisch organisierte Partei mit bewaffneten Milizen durchgeführt werden. Im Falle einer Solidarisierung des Militärs war sicherzustellen, dass die Partei den Staat unter Kontrolle hatte und nicht die Generäle. Folgerichtig war die paramilitärische Ausbildung aller tauglichen Aktivisten sicherzustellen. Die Ziele des Aufstandes mussten populär und den Massen bekannt sein, was durch unentwegte Propaganda zu erreichen war. Demgegenüber fiel bei José Antonio die Ambivalenz zur Gewalt auf. Er war zwar "normaler" Gewaltanwendung nicht abgeneigt, hatte jedoch erhebliche Skrupel bei politischem Mord. Offenbar war der Falange-Gründer der irrigen Ansicht, es bedürfe zur Eroberung des Staates nicht der gleichen Dosis Gewalt wie in Italien. Nachdem im Januar 1934 insgesamt 6 Falangisten umgebracht wurden, forderte die radikale Parteibasis direkte Vergeltung Auge um Auge. José Antonios Aufrufe zur Zurückhaltung wurden ignoriert, und sehr bald bereiteten die Militantes sich planmäßig auf eine regelrechte Stadtguerrilla gegen ihre kommunistischen und anarchistischen Todfeinde vor.
Am 9. Februar 1934 wurde Matías Montero Rodríguez, der Mitbegründer des Studentensyndikates, ermordet. Waren die bisherigen Todesopfer bei Zusammenstößen zu verzeichnen, so handelte es sich hier um den ersten geplanten Mord an einem Falangisten. Die Bewegung richtete ein propagandawirksames Begräbnis aus, der „Tag des gefallenen Studenten“ (el día del estudiante caido) wurde fortan ein offizieller Feiertag des Falangismus. Nach dem Vorbild der spanischen Armee wie der italienischen Faschisten wurde nun ein regelrechter Totenkult um die Gefallenen der Falange geschaffen. Die Verklärung des Todes wirkte gemeinschaftsstiftend, die Toten und die Lebenden wurden durch die Lebendigkeit der Idee zusammengehalten. Der Tod im Kampf für die Bewegung, aber auch die direkte Aktion gegen den politischen Gegner wurden als Dienst für das Vaterland mythologisiert.
An der militanten Basis regte sich heftige Kritik an der Führung, da es keine organisierte Abwehr und Gegenwehr gab. José Antonio reagierte mit dem Hinweis, man werde den Kampf auf einem Gelände der eigenen Wahl annehmen. Die Parteiführung bereitete nun endlich Maßnahmen vor, die über Studentenunruhen oder Zeitungsverkauf hinausgingen. Juan Antonio Ansaldo, Fliegerheld aus dem Marokkokrieg, wurde zum jefe de commandos berufen und organisierte die Falange de la Sangre als Parteimiliz. José Antonio stellte demonstrativ seine von der Basis scharf kritisierten frivolen Freizeitaktivitäten in der High-Society ein, welche den politischen Überlebenskampf der Partei in der Tat konterkarierten. Der Falange-Gründer zeigte sich entmutigt – war das Unternehmen vorzeitig begonnen worden? Auf den Bereichen Kultur und Propaganda hätte man besser vorbereitet sein können, um sich der Links-Rechts-Polarisierung zu entziehen. Ruíz riet zu vermehrter Militanz und direkter Aktion, was ihn in die direkte Nachbarschaft der radikalen Jonsistas brachte.
Mit dem nun einsetzenden Kurswechsel war ein Zusammengehen mit den JONS vorprogrammiert. Die Falange Espanola hatte die Jonsistas an Bedeutung überholt, zudem zog José Antonio weitaus mehr Spendengelder an als etwa Ledesma Ramos. Mit José Antonio verfügte die Falange über die charismatische Führerfigur, während die JONS hingegen ihre überregionale Gefolgschaft, eine etablierte Gesamtheit politischer Symbole und Parolen sowie die klarer umrissene Programmatik einbringen konnten. Redondo Ortega und Giménez Caballero auf jonsistischer und Ruíz de Alda auf falangistischer Seite setzten den Zusammenschluss durch. Ledesma Ramos kritisierte zwar, die Falange sei zu rechtsgerichtet, zu sehr am italienischen Vorbild orientiert und nicht revolutionär genug – aber diese Probleme schienen ihm überwindbar. Vor allem erschien es ihm möglich, die Führungsgruppe der Falange zu verdrängen und die populäre Gruppe als Plattform für den Nationalsyndikalismus zu nutzen.
Das Parteiprogramm der Falange Espanola
Nation – Einheit – Imperium
1. Wir glauben an die hohe Wesenheit
Spaniens. Seine Stärke, Größe und Macht zu mehren ist die vordringliche
Gemeinschaftsaufgabe aller Spanier. Dieser Aufgabe haben sich unerbittlich
Einzel-, Gruppen- und Klasseninteressen unterzuordnen.
2. Spanien stellt im Weltgeschehen eine Schicksalsgemeinschaft dar. Jeder
Anschlag auf diese Gemeinschaft ist verwerflich. Separatismus ist ein
unverzeihliches Verbrechen. Die geltende Verfassung richtet sich, da sie zur
Zersplitterung aufhetzt, gegen die schicksalhafte Einheit Spaniens. Wir
verlangen daher ihre völlige Abschaffung.
3. Wir haben den Willen zum Imperium. Wir bekunden, dass die geschichtliche
Erfüllung Spaniens das Imperium ist. Wir fordern für Spanien einen
hervorragenden Platz in Europa. Wir dulden keine internationale Isolierung.
Ausländische Einmischungen sind uns unerträglich. Hinsichtlich der Beziehungen
zu den hispanoamerikanischen Ländern erstreben wir eine einheitliche Ausrichtung
der Kultur, der wirtschaftlichen und machtpolitischen Interessen. Spanien ist
die geistige Achse der hispanischen Welt; dies begründet unseren Anspruch auf
Teilnahme am historischen Geschen an hervorragender Stelle.
4. Unsere Streitkräfte – zu Lande, zu Wasser und in der Luft – sollen die
Wirksamkeit und den Umfang haben, die zur dauernden Sicherung der vollen
Unabhängigkeit und der Spanien zukommenden Stellung in der Welt notwendig sind.
Wir werden den Streitkräften zu Lande, zu Wasser und in der Luft die öffentliche
Würde wiedergeben, die ihnen gebührt. Wir werden dafür sorgen, dass nach ihrem
Bilde ein soldatischer Geist das gesamte spanische Leben beseelt.
5. Spanien wird, wie einst, Ruhm und Wohlstand wieder auf dem Meere suchen.
Spanien soll eine große Seemacht werden, um Gefahren abwenden und den Handel
schützen zu können. Ebenso fordern wir für das Vaterland eine starke Luftflotte
und den Ausbau des Luftverkehrsnetzes.
Staat – Individuum – Freiheit
6. Unser Staat soll ein allumfassendes
Werkzeug im Dienste der Unversehrtheit des Vaterlandes sein. Am Staat sollen
alle Spanier durch Familie, Gemeinde und Berufsstand teilhaben. Niemand kann
über politische Parteien am Staate teilhaben. Rücksichtslos wird das System der
politischen Parteien mit allen seinen Folgen wie dem unnatürlichen Wahlrecht,
der Vertretung durch sich bekämpfende Gruppen und der bekannten Form des
Parlaments abgeschafft.
7. Würde, Unverletzlichkeit und Freiheit des Menschen sind ewige und
unantastbare Werte. Wahrhaft frei ist jedoch nur, wer zu einer starken und
freien Nation gehört. Niemandem wird erlaubt sein, seine eigene Freiheit zum
Schaden der Einheit, der Stärke und der Freiheit des Vaterlandes zu gebrauchen.
Eine strenge Disziplin wird jeden Versuch der Vergiftung, Entzweiung oder der
Aufhetzung der Spanier zu einem Handeln gegen die Berufung des Vaterlandes
verhindern.
8. Der Nationalsyndikalistische Staat wird jede private Initiative zulassen, die
mit den Interessen der Gesamtheit vereinbar ist. Er wird sie sogar fördern und
anregen, wenn es von Nutzen ist.
Wirtschaft – Arbeit – Klassenkampf
9. Wirtschaftlich verstehen wir Spanien
als einen gewaltigen Berufsstand von Erzeugern. Wir werden die spanische
Gesellschaft korporativ in einem System vertikaler Syndikate nach
Produktionszweigen ordnen. Es hat der volkswirtschaftlichen Gesamtheit zu
dienen.
10. Wir verwerfen das kapitalistische System. Es verkennt die Nöte des Volkes,
es entmenschlicht das Privateigentum, es drängt die Arbeiter in unförmige Massen
zusammen, die für Elend und Verzweiflung anfällig sind. Unsere geistige
Einstellung und unser nationales Bewusstsein verwerfen auch den Marxismus. Wir
werden den Schwung der arbeitenden Klassen, die heute durch den Marxismus
irregeführt sind, in rechte Bahnen lenken, indem wir auf ihre unmittelbare
Teilnahme am großen Werk des nationalen Staates dringen.
11. Der nationalsyndikalistische Staat wird sich nicht grausam dem
wirtschaftlichen Kampf der Menschen versagen. Er wird auch nicht müßig der
Unterdrückung der schwächeren durch die stärkere Klasse zusehen. Unsere Ordnung
wird den Klassenkampf radikal beenden, da alle, die im Produktionsprozess
stehen, in ihr eine organische Einheit bilden. Wir verwerfen und verhindern in
Zukunft mit allen Mitteln den Missbrauch von Sonderinteressen zum Schaden
anderer und die Anarchie in der Arbeitsordnung.
12. Reichtum ist in erster Linie dazu bestimmt – und diesen Grundsatz wird unser
Staat verwirklichen – die Lebensbedingungen aller Glieder des Volkes zu bessern.
Es ist untragbar, dass ungeheure Massen im Elend leben, während eine kleine
Schicht allen erdenklichen Luxus hat.
13. Der Staat wird das Privateigentum als rechtmäßiges Mittel zur Erfüllung der
Zwecke des einzelnen, der Familie und der Gemeinschaft anerkennen. Er wird es
vor Übergriffen des Großkapitalismus, der Spekulation und der Geldverleiher
schützen.
14. Wir sind dafür, das Bankwesen und, mittels der Korporationen, die für die
Gemeinschaft wichtigen Betriebe zu verstaatlichen.
15. Alle Spanier haben das Recht auf Arbeit. Die öffentlichen Körperschaften
sind verpflichtet, alle zu unterstützen, die ohne Verschulden arbeitslos sind.
Bis zur Vollendung der neuen Gesamtordnung halten wir alle Vorteile aufrecht und
bauen sie weiter aus, die die geltenden Sozialgesetze dem Arbeiter bieten.
16. Alle arbeitsfähigen Spanier sind zur Arbeit verpflichtet. Der
Nationalsyndikalistische Staat wird keine Rücksichtnahme denjenigen gegenüber
kennen, die keiner Tätigkeit nachgehen und auf Kosten der anderen leben wollen.
Grund und Boden
17. Unter allen Umständen sind die Lebensbedingungen auf dem Lande zu
verbessern. Das Land ist die bleibende Lebensgrundlage Spaniens. Wir werden
daher rücksichtslos die wirtschaftliche und soziale Reform in der Landwirtschaft
durchführen.
18. Wir werden die landwirtschaftliche Erzeugung (Wirtschaftsreform) mit
folgenden Mitteln steigern: Für alle landwirtschaftlichen Erzeugnisse wird ein
lohnender Mindestpreis sichergestellt. Wir verlangen, dass ein großer Teil des
Vermögens, das heute die Stadt für kulturelle und wirtschaftliche Zwecke
verschlingt, dem Land wieder zugeführt wird, damit es über ausreichende Mittel
verfügt. Wir werden ein wahrhaft nationales, landwirtschaftliches Kreditsystem
schaffen, das dem Bauern zu niedrigem Zinssatz Geld leiht, ihm dabei sein
Vermögen und seine Ernten garantiert und ihn vor Wucher und Ausbeutung schützt.
Die fachliche Schulung in Ackerbau und Viehzucht soll gefördert werden. Die
Ausnutzung des Bodens soll seinen natürlichen Bedingungen und den
Absatzmöglichkeiten der Erzeugnisse angepasst werden. Die Zollpolitik soll so
gehandhabt werden, dass sie Ackerbau und Viehzucht schützt. Wasserbauten sollen
beschleunigt durchgeführt werden. Die landwirtschaftlichen Betriebe sind zu
rationalisieren. Dadurch sollen sowohl die verschwenderischen und
vernachlässigten Latifundien als auch die wegen ihres geringen Ertrages
unwirtschaftlichen Zwergbetriebe beseitigt werden.
19. In sozialer Hinsicht werden wir die Landwirtschaft durch folgende Mittel
ordnen: Wir werden kultivierbares Land neu verteilen, um Familienbesitz zu
schaffen, und den berufsständischen Zusammenschluss der Bauern energisch
fördern. Die Volksmassen, die heute ihre Arbeitskraft in der mühseligen Bebauung
unfruchtbaren Bodens erschöpfen, sollen aus ihrer elenden Lage befreit und auf
neues, kultivierbares Land umgesiedelt werden.
20. Wir werden einen unermüdlichen Feldzug für die Aufstockung des Viehbestandes
und die Aufforstung führen. Wir werden diejenigen mit schweren Strafen belegen,
die dies zu stören versuchen. Wir werden sogar zeitweilig die gesamte spanische
Jugend zwangsweise für diese historische Aufgabe der Wiederherstellung des
Reichtums des Vaterlandes heranziehen.
21. Der Staat kann ohne Entschädigung unrechtmäßig erworbenen oder genutzten
Boden enteignen.
22. Die Wiederherstellung des Gemeindebesitzes wird ein besonders wichtiges
Vorhaben des Nationalsyndikalistischen Staates sein.
Nationale Erziehung - Religion
23. Es ist eine wesentliche Aufgabe des
Staates, durch eine straffe Disziplin in der Erziehung ein starkes und
einheitliches Nationalbewusstsein zu schaffen und in die Herzen der kommenden
Generationen die Freude und den Stolz auf das Vaterland zu pflanzen. Die
männliche Jugend wird eine vormilitärische Erziehung erhalten, die sie auf den
ehrenvollen Dienst im Volksheer Spaniens vorbereitet.
24. Das Bildungswesen wird so gestaltet, dass kein Talent wegen fehlender
wirtschaftlicher Mittel scheitert. Alle, die es verdienen, sollen leichten
Zugang selbst zum Hochschulstudium haben.
25. Unsere Bewegung legt das katholische Bewusstsein – das in Spanien eine
glorreiche Tradition hat und vorherrschend ist – der nationalen Erneuerung
zugrunde. Kirche und Staat werden ihre Rechte durch ein Konkordat regeln. Eine
Einmischung wird ebenso wenig geduldet wie irgendeine Tätigkeit, welche die
Würde des Staates mindern oder die nationale Einheit schädigen könnte.
Nationale Revolution
26. Die Falange Espanola de las JONS
erstrebt eine neue Ordnung nach diesen Prinzipien. Um sie durchzusetzen im Kampf
gegen die bestehende Ordnung, trachtet sie nach der nationalen Revolution. Als
ihren Stil wird sie ein unmittelbares, leidenschaftliches und kämpferisches
Handeln vorziehen. Das Leben ist Soldatentum; es muss vollzogen werden in
untadeliger Dienstauffassung und glühendem Opfersinn.
27. Es ist unser heißes Bemühen, den Kampf nur mit den unserer Disziplin
unterworfenen Kräften siegreich zu bestehen. Wir werden sehr wenig paktieren;
nur in der Schlussphase zur Eroberung des Staates wird die Führung für eine
notwendige Zusammenarbeit eintreten. Dabei muss jedoch stets unser
Führungsanspruch gesichert sein.
Falange Espanola de las Juntas Ofensivas Nacional-Sindicalistas
Am 11. Februar 1934 trat der Nationalrat der Jonsistas in Madrid zusammen und diskutierte den Zusammenschluss mit der Falange Espanola. Die Mehrheit stimmte für die Aufnahme von Verhandlungen, machte aber einen radikaleren Kurs der Falangisten zur Vorbedingung. Nur zwei Tage später fusionierten die Gruppierungen zur Falange Espanola de las Juntas Ofensivas Nacional-Sindicalistas – der längste Name einer faschistischen Partei in Europa. Als Parteiführung entstand die Junta de Mando (Kommandorat), bestehend aus den Falangisten José Antonio Primo de Rivera, Ruíz de Alda, Sánchez Masas und Raimundo Fernández Cuesta sowie den Jonsistas Ramiro Ledesma Ramos und Onésimo Redondo Ortega. Für die laufenden Geschäfte war das Zentrale Exekutiv-Triumvirat unter José Antonio, Ruíz de Alda und Ledesma Ramos zuständig. Die Mitgliedsnummer 1 ging an Ramiro Ledesma Ramos, den Begründer des spanischen Nationalsyndikalismus. Als Nummer 2 folgte José Antonio, Redondo Ortega erhielt die 3 und Ruíz de Alda die Nummer 4. Nach unten hin wurde die Gliederung der JONS beibehalten. Jede örtliche Falange-Einheit wurde in eine JONS umgewandelt, und im März avancierte Fernández Cuesta zum ersten Parteisekretär.
In der Zusammenschlussvereinbarung wurde die Erarbeitung einer revolutionären wirtschaftspolitischen Linie festgelegt. Die Partei übernahm die Embleme und Slogans der JONS und damit auch deren sozialrevolutionärere Ausrichtung – vorher gab es von falangistischer Seite nur vage Erklärungen zu wirtschaftlichen Fragen. Die Fusion war effektiv, auch wenn der rechte Falangeflügel nicht glücklich damit wurde. Insgesamt wurde die Bewegung durch den Zusammenschluss mit der Falange soziologisch auf dem rechten Flügel verstärkt. Der Exkommunist Díaz wandte sich ab, da die Ausrichtung der Falange im Gegensatz zur nationalen Revolution stehe. Immerhin vollzog die Falange die Abkehr von ihrer rein rechtsgerichteten Orientierung und adaptierte den revolutionären Faschismus der JONS. José Antonio war ebenfalls nicht ganz zufrieden, erkannte aber, dass man außerhalb des rechten Blocks arbeiten musste. Die Propaganda griff den ästhetischen Tonfall José Antonios auf, aber die radikalen Inhalte Ledesmas. Eine Altersbegrenzung für die Parteimitgliedschaft auf maximal 40 Jahre grenzte die alten Monarchisten und Offiziere bewusst aus.
Am 28. Februar 1934 formulierte José
Antonio in „La Nación“: „Ich
gehe davon aus, dass niemand auf die Idee kommen wird, die Revolution, die ich
begehre, sei die Revolte, der Aufstand der Straße und die Unordnung, die
Befriedigung jenes Triebes, den oft Völker und Individuen verspüren und der
darauf gerichtet ist, sich freien Lauf zu verschaffen. Nichts ist weiter
entfernt von meinen ästhetischen Neigungen und, noch mehr, von meinem
politischen Empfinden. Politik ist eine große Aufbauarbeit...Wer eine Revolution
vermisst, besitzt schon gewöhnlich in seinem Geist den Vorplan einer neuen
politischen Architektur, und gerade um diese durchzusetzen, muss er in jedem
Augenblick...Herr aller Aufbauwerkzeuge bleiben. Mit anderen Worten: Die gut
gemachte Revolution, diejenige, welche zu einem ernsten und harten Umsturz
führt, trägt als formales Merkmal die Ordnung.
Nun aber, die Ordnung
allein kann eine Generation nicht begeistern. Unsere Generation will eine neue
Ordnung. Sie ist nicht mit der etablierten Ordnung zufrieden. Sie ist deshalb
revolutionär. Und diese Revolution, diese lang ersehnte und doch nicht erfolgte
Revolution, wird man sie umgehen, wird man sie vermeiden können...? Das ist
absurd; die Revolution ist schon da und es bleibt nichts anderes übrig, als mit
ihr zu rechnen. Wir leben in revolutionärem Zustand. Und dieser revolutionäre
Zustand kann nur einen doppelten Ausgang haben: Entweder bricht er grollend und
giftschäumend da aus, wo man ihn weniger erwartet, oder man bringt ihn auf den
rechten Weg im Sinne eines Interesses für die Totalität, für die Nation – ein
gefährliches Unternehmen, wie alles Große, aber ein Unternehmen voll fruchtbarer
Verheißungen."
Auf dem ersten Parteitreffen in Valladolid kamen bis zu 3000 Personen zusammen. José Antonio griff die orthodoxe Rechte scharf an und erklärte, man werde keinesfalls die Sturmtruppen der Reaktion stellen und nicht die Kastanien aus dem Feuer holen, während die Reaktionäre in ihren Kasinos dahinvegetierten. Das Gerede vom korporativen Staat nach italienischem Vorbild reiche nicht aus, man müsse vielmehr in Spanien wieder Optimismus, Selbstvertrauen und ein klares und energievolles Projekt eines gemeinsamen Lebens schaffen. "Vorsicht mit dem korporativen Staat, Vorsicht mit all diesen gefühllosen Dingen, die euch viele sagen werden, danach trachtend, dass wir uns in eine weitere Partei verwandeln...Wir begnügen uns nicht damit, den Staat auf eine andere Weise zu gestalten. Was wir wollen ist, Spanien einen Optimismus, einen Glauben an sich selbst, eine klare und entschiedene Linie des Gemeinschaftslebens zurückzugeben. Deshalb ist unsere Vereinigung keine Partei: Sie ist eine Miliz. (…) Die politischen Parteien entstehen an dem Tag, an dem das Bewusstsein verloren geht, dass es über den Menschen eine Wahrheit gibt, unter deren Zeichen die Völker und die Menschen ihre Mission im Leben erfüllen. Diese Völker und Menschen wussten, bevor die politischen Parteien entstanden, dass über ihren Köpfen die ewige Wahrheit stand und in Antithese zur ewigen Wahrheit die absolute Lüge. Aber es kam der Moment, an dem man den Menschen sagte, dass weder die Lüge noch die Wahrheit absolute Kategorien sind, dass alles diskutiert, alles durch Abstimmen gelöst werden kann. Dann kann durch Abstimmung entschieden werden, ob das Vaterland vereint bleiben oder sich selbst zerstören soll, ja sogar ob Gott existiert oder nicht. (…) Wir setzen eine Norm aller unserer Handlungen über die Interessen der Parteien und Klassen. Wir setzen diese Norm und hierin liegt der tiefste Gehalt unserer Bewegung, in der Idee von einer umfassenden Integrität der Bestimmung, die sich Vaterland nennt. Mit diesem Konzept von Vaterland, bedient durch das Instrument eines starken Staates, der weder einer Partei noch einer Klasse gefügig ist, ist das Interesse, welches triumphiert, dasjenige der Integration aller in jener Einheit und nicht das momentane Interesse der Sieger." Der Faschismus erschien als die Idee der Rückbesinnung auf die eigene Nation, unter welcher Spanien sich wieder zu alter Größe aufschwingen könne. Zum Nachahmungsvorwurf äußerte José Antonio, eine derartige Rückbesinnung könne niemals eine Nachahmung des deutschen oder italienischen Vorbildes sein.
Nach der Veranstaltung kam es zu Straßenschlachten mit der Linken, bei denen ein Falangist getötet wurde. In den Folgetagen kam es zu weiteren Morden in Gijón und Madrid. Dennoch war die Führung zufrieden. Auf Vorschlag José Antonius duzten sich alle Parteimitglieder fortan – in Spanien ein sehr ungewöhnlicher Schritt. Nach dem Vorbild der Linken wurde die Anrede camarada eingeführt. Die Parteiführung bekannte sich offen zur politisch motivierten Gewaltanwendung, die in Spanien ohnehin immer weiter radikalisierte Linke reagierte prompt. Nach einer Serie weiterer Zusammenstöße verhängten die Behörden mehrerer Provinzen ein Betätigungsverbot für die Partei. Am 10. April 1934 scheiterte ein Mordanschlag mit Sprengsätzen und Pistoleros auf José Antonio. Dieser lieferte sich eine Schießerei mit den Angreifern und schlug sie in die Flucht. Weitere Mordaktionen scheiterten im Juni. José Antonio besaß die außerordentliche Tapferkeit seines Vaters. Er bewahrte sogar weiterhin die Gelassenheit und mahnte zur Zurückhaltung. Mittlerweile trug er allerdings stets eine Waffe, die er gut zu gebrauchen wusste.
Im Mai 1934 wurden die Statuten für die Mitgliedschaft veröffentlicht. Die Mitglieder teilten sich fortan in aktive Militantes und passive Adheridos. Letztere durften nur zweitrangige Aufgaben in der Partei wahrnehmen. Alle gesunden Militantes hatten sich auch in der Primera Línea zu betätigen, die Segunda Línea kümmerte sich eher um Propaganda und Geldsammlungen. Schon der erste Aufmarsch der Parteimiliz am 3. Juni 1934 auf dem Flugplatz von Carabanchel wurde von der Polizei aufgelöst, die Parteiführer erhielten Geldstrafen. Ansaldos Falange de la Sangre hatte zwar mit Finanzierungsproblemen zu kämpfen, sollte sich aber als weitaus schlagkräftiger als die Primera Línea erweisen. Vor allem gelang es Ansaldo endlich, das terroristische Segment der Bewegung von Verrätern und Spitzeln zu säubern. Wie bei den JONS bestanden maßlos übertriebene Organisationsstrukturen. Verwirklicht wurden nur die escuadras de acción aus zehn Mitgliedern und einem Führer sowie die Falanges aus drei Escuadras und die Centurias aus drei Falanges. Verbotsverfügungen wurden umgangen, indem man sich in Sportvereinen etc. organisierte. Im Sommer etablierte José Antonios jüngere Schwester Pilar Primo de Rivera die Sección Féminina, die Frauenabteilung der Bewegung. Die Falange vollzog den Anschluss an das Comitati d´Azione per la Universalità di Roma CAUR, die faschistische "Internationale". Vergebens versuchten die Italiener, ein gruppenübergreifendes CAUR-Komitee unter Giménez Caballero in Spanien zu schaffen.
Als am 10. Juni bei einem Zusammenstoß mit Jungsozialisten am Stadtrand von Madrid der 18jährige Falangist Juan Cuéllar als mittlerweile 15. oder 16. Blutzeuge der Bewegung ermordet und seine Leiche von den Kommunisten geschändet wurde, schlug die Falange de la Sangre sofort zurück. Ansaldos Männer lauerten den mit einem Reisebus heimkehrenden Mördern auf und revanchierten sich mit einem Feuerüberfall, wobei es eine Tote und mehrere Schwerverletzte gab – der erste Mord an einem Linken durch spanische Nationalsyndikalisten. Nunmehr kam der an eine Stadtguerrilla erinnernde Kleinkrieg zwischen Falangisten und Sozialisten richtig in Schwung. Bis zum Monatsende konnte José Antonio noch einen geplanten Mordanschlag der Militantes auf den Sozialistenführer Prieto verhindern, ebenso den Plan, mit einer 50-Kilo-Bombe das sozialistische Volkshaus in Madrid dem Erdboden gleichzumachen. Nachdem Ansaldos Adjutant Manuel Groizard bei einem Anschlag verwundet wurde, nahm die Falange offen den Schlagabtausch an, und José Antonio stimmte den von den Ruiz, Ledesma, Ansaldo und Redondo geforderten Vergeltungsaktionen nunmehr zu. Die tödliche Gewalt wurde den Falangisten von links aufgezwungen.
Die republikanische Regierung griff zu polizeilichen Maßnahmen gegen die Nationalsyndikalisten. Das Hauptquartier in Madrid wurde Ziel einer Razzia, unter den 67 Festgenommenen befanden sich auch die beiden Parlamentsabgeordneten der Partei. Kurz danach ordnete die Regierung Lerroux die Schließung aller Falange-Zentren an, verbot alle Publikationen der Partei und verhängte ein Verbot öffentlicher Versammlungen. Zudem durften Jugendliche unter 16 Jahren fortan keiner politischen Organisation mehr beitreten, für nicht Volljährige (also unter 23 Jahren) war nun die Zustimmung der Eltern erforderlich. Das Studentensyndikat SEU fing die jüngeren Studenten und Schüler als Mitglieder auf.
Dennoch steckte die Falange in der Krise. Sie befand sich in einem erbitterten Kampf, in dem sie keine echten Fortschritte machte. José Antonio war infolge einer gewissen Naivität nicht auf die Radikalität des Kampfes vorbereitet, oftmals grenzte sein Verhalten an Verantwortungslosigkeit. Er wollte überzeugen, nicht zwingen. Zustimmung und Zulauf kamen zum Stillstand, und die Bewegung war isoliert, denn José Antonio blieb Einzelabgeordneter und erklärte, die Falange lehne die Rechte ebenso sehr ab wie die Linke. Inner- und außerhalb der Falange stiegen die Spannungen zwischen José Antonio und den Monarchisten. Deren Führer Calvo Sotelo strebte nach Annäherung an die Falange und ersuchte sogar um die Mitgliedschaft. Ruíz de Alda und sogar Ledesma Ramos befürworteten die Aufnahme, aber José Antonio sprach sich strikt dagegen aus. Calvo Sotelo verriet seinen Vater, zudem wollte er einen Konkurrenten um die Führung fernhalten. José Antonio kritisierte ihn auch als einen reaktionären Vertreter der Großbourgeoisie und der Aristokratie.
Im Juli erreichten die Spannungen zwischen José Antonio auf der einen und den rechtsgerichteten und extremistischen Elementen in der Partei ihren Höhepunkt. Wortführer der Kritiker war Ansaldo, der ihm moderate Einstellung und mangelnde Militanz vorwarf und gar seine gewaltsame Ausschaltung durch die Falange de la Sangre plante. Den Meuterern schwebte die Installation Ruíz de Aldas als Parteichef und Ledesmas als Generalsekretär vor. José Antonio bekam Wind von den Plänen und zitierte Ansaldo vor die Parteiführung. Er hatte den Großteil der Madrider Parteimitglieder hinter sich, dazu Sánchez Mazas und Fernández Cuesta. So konnte er gegen den Widerstand von Ruíz und Ledesma mit der Drohung der Parteispaltung den Ausschluss Ansaldos erreichen, dem einige Monarchisten folgen.
Zu dieser Zeit äußerte José Antonio auf Saalveranstaltungen: „Spanien ist unwiderrufbar. Die Spanier können über sekundäre Dinge entscheiden, jedoch in Bezug auf Spaniens Wesen selbst haben sie nichts zu entscheiden. Spanien ist unser im Sinne eines Erbgutes. Unsere Generation ist nicht die absolute Besitzerin Spaniens. Sie hat es erhalten von der Anstrengung vorangegangener Generationen und hat es als geheiligten Depositum den folgenden zu übergeben. Wenn sie diesen Moment des Durchgangs durch die Kontinuität der Jahrhunderte nutzte, um Spanien in Stücke zu teilen, würde unsere Generation an den zukünftigen den missbräuchlichsten Betrug, den treulosesten Verrat begehen, den man sich vorstellen kann. Die Nationen sind keine Verträge, kündbar durch den Willen derer, die sie geschlossen haben: Sie sind Stiftungen mit einer Substantivität und hängen weder vom Willen weniger noch vom Willen vieler ab. (…) Das Wesentliche einer Bewegung ist dies: eine beständige Norm zu finden, die als Maßstab zur Regulierung der Rechte und Pflichten der Menschen und der Gruppen dient. Ich will damit sagen: die Kämpfe der Parteien und Klassen zu ersetzen durch eine organische Struktur, die die Anstrengung aller im gemeinsamen Dienst des Vaterlandes führt...Wir können es nicht zulassen, dass die Arbeiter weiterhin vergiftet werden von Hass und Rachsucht, noch können wir uns damit abfinden, in einem Spanien ohne Glauben zu leben, gespalten in Ideen, Parteien und Klassen. Deshalb predigen wir den Glauben an Spanien, an seine Unsterblichkeit und an seine universale Bestimmung."
Durch einen detaillierten Pakt mit der monarchistischen Renovación Espanola sicherte José Antonio am 20. August 1934 weitere Finanzhilfe. In die gleiche Zeit fiel auch die erste briefliche Kontaktaufnahme zwischen José Antonio und dem späteren Militärdiktator General Franco. Mit Hilfe der monarchistischen Gelder machte die Partei sich nun an den Ausbau der nationalsyndikalistischen Gewerkschaft Confederación de Obreros Nacional-Sindicalistas CONS. Die CONS erklärte ihre volle Übereinstimmung mit politischen Forderungen der Linken, wollte diese aber um nationalistische Prioritäten bereichern. José Antonio agitierte auf dem Land, Ledesma Ramos als Vater des Gedankens dachte hingegen an eine proletarisch-städtische Basis. In Madrid, Valladolid und Zaragoza entstanden die ersten Syndikate der CONS, welche energisch von den Linken bekämpft und von den Unternehmern mit Misstrauen betrachtet wurden. Die durchaus mögliche Organisation interessierter Arbeitsloser in Madrid unterblieb, und die am 1. November 1934 angekündigte Organisation eines Arbeitgebersyndikats scheiterte vollkommen. Im Parteiorgan „Falange Espanola“ proklamierte Fernández Cuesta im August: „…wenn das kapitalistische System in diesem Zustand, in dem es sich befindet, absolut unfähig ist, den größten Teil der Probleme zu lösen, die sich heute allen Nationen stellen, so will das keineswegs besagen, dass es nicht höchst nützliche Elemente besitzt, wenn man sie auf ihre natürlichen Dimensionen reduziert und in eine den modernen Erfordernissen adäquatere Organisation einfügt..."
Ledesma und Ruíz forderten nach wie vor eine aggressivere, demagogischere und revolutionärere Politik. Ledesma begrüßte zwar die von José Antonio organisierte Serie von Provinzialkonferenzen, blieb ihnen aber fern. Er kannte die Verärgerung von Ruíz über den Hinauswurf seines Kameraden Ansaldo und drängte diesen, gemeinsam José Antonio loszuwerden. Dessen Stellung war jedoch weiterhin stark, denn er und nicht Ledesma war die charismatische Führerpersönlichkeit. Beide Rivalen konnten ihm in puncto öffentlicher Wirkung bei weitem nicht das Wasser reichen. Zudem mussten die Herausforderer zeitweilig untertauchen, während José Antonio von seiner parlamentarischen Immunität profitierte.
José Antonio ergriff die Initiative und berief die Junta de Mando für den 28. August 1934 ein. Diese billigte die Einberufung des 1. Nationalkongresses (Consejo Nacional) für den 4. bis 7. Oktober 1934 nach Madrid. Der Parteitag sollte die Parteistatuten vervollständigen, ein offizielles Parteiprogramm verabschieden und entscheiden, ob die Bewegung weiter kollektiv oder von einem jefe único, einem einzigen Führer, geleitet wurde. In der Zwischenzeit wurden die Funktionen der Junta de Mando und des Exekutivtriumvirats zugunsten der alleinigen Führung durch José Antonio suspendiert.
Die 53 stimmberechtigten Delegierten des 1. Nationalkongresses waren teils vom Triumvirat benannt, teils verdankten sie ihre Funktion den Ämtern in Parteizentrale und Provinzialgliederungen. Auf Aufforderung brachten sie zahlreiche Memoranden zu doktrinären und strukturellen Problemen ein, und schon am ersten Tag wurde die Führungsfrage debattiert. Ledesma Ramos und Jiménez Caballero wehrten sich mit Entschiedenheit gegen die Berufung eines unabsetzbaren jefe único mit Anspruch auf absoluten Gehorsam. Sie verwiesen auf den Pluralismus der spanischen Geschichte und das alte Prinzip der Kollektiven Führung. Am zweiten Tag wurden die neuen Parteistatuten gegen den Ledesma-Flügel verabschiedet. Bei der Abstimmung über die jefatura única gab die Stimme des jüngsten Delegierten den Ausschlag. Jesús Suevos, gleichzeitig Sekretär des Nationalkongresses, stimmte als letzter. José Antonio enthielt sich, aber die jefatura única war durchgesetzt.
Der erst 31jährige José Antonio wurde umgehend und ohne Diskussion gewählt. Er übernahm sofort das faktisch bereits von ihm bekleidete Amt und erklärte, das Handeln des Kongresses habe die Bewegung vor dem Zerfall gerettet. Als erste Amtshandlung ernannte er den Statuten gemäß den Präsidenten und die Hälfte der Mitglieder des neuen Parteivorstandes, der Junta Política, die anderen 6 Mitglieder wurden durch den Nationalkongress ernannt. Mit einem geschickten Schachzug machte José Antonio seinen Widersacher Ledesma Ramos zum Präsident der Junta Política, die nun das Programm der Partei erarbeiten sollte. Die von den Jonsistas stammenden Symbole und Parolen der Bewegung wurden bestätigt, man trug fortan auf Vorschlag von Ruíz de Alda das marineblaue Hemd der Mechaniker. Die Einführung des italienischen Schwarzhemdes wurde abgelehnt. Da das Parteiprogramm wird nicht vollständig erarbeitet werden konnte, beendete Ledesma Ramos den Entwurf, der von José Antonio wieder abgeändert und im November 34 verkündet wurde. Die veintisiete puntos, die „27 Punkte“ entsprachen dem Idealbild einer faschistischen Bewegung. Das Programm systematisierte die bestehende Doktrin und distanzierte die Falange von der nichtfaschistischen Rechten. Redondo Ortega als Frontmann des rechten Flügels leistete vergebens Widerstand gegen die 27 Punkte. In José Antonios Augen trennte der revolutionäre Charakter des Programms die Falange fortan sowohl von der Rechten als auch vom Faschismus.
Radikalisierung (1934-1935)
Anlässlich des Aufstandes der asturischen Bergarbeiter organisierte die Falange am 7. Oktober 1934 in Madrid ihre erste echte Massendemonstration. Tausende schlossen sich der nicht genuin falangistischen, sondern patriotischen und für die staatliche Einheit Spaniens eintretenden Kundgebung an. José Antonio bot der rechtsbürgerlichen Regierung die Unterstützung in selbständigen Einheiten kämpfender Falangisten an, traf aber auf Zurückweisung. Die jefes provinciales wurden jedoch zur Zusammenarbeit mit Behörden und Armee angewiesen, um den Aufstand niederzuwerfen. Falangisten traten als Streikbrecher im öffentlichen Dienst und als Hilfstruppe in Asturien in Erscheinung, wobei 5 Militantes fielen. José Antonio kritisierte im Anschluss, der Sieg über die linksgerichtete Revolte bleibe infolge der Mittelmäßigkeit der Regierung steril. Die Revolutionäre hätten immerhin an einen Mythos geglaubt, der auf der Regierungsseite vollkommen fehle. Kurz darauf formulierte José Antonio: "Wir wollen die Ordnung, aber eine andere Ordnung, von Grund auf anders. Das gegenwärtige soziale Herrschaftssystem...erscheint uns dem Wesen nach ungerecht. Wir waren gegen die Revolution wegen ihres marxistischen und antispanischen Charakters. Wir werden aber nicht verschweigen, dass die Verzweiflung der sozialistischen, syndikalistischen und anarchistischen Massen einem tieferen Beweggrund entspringt, an dem wir voll und ganz Anteil nehmen. Niemand übertrifft unseren Zorn und Ekel gegen eine soziale Ordnung, die nichts gegen den Hunger enormer Massen unternimmt und den süßen Müßiggang einiger weniger toleriert."
Die Ereignisse des Oktobers brachten der Bewegung den ersten deutlichen Mitgliederzustrom seit langem, bald zählten die Falange 5000 und die Gewerkschaft CONS 2000 Aktivisten. Ruíz de Alda und Ramiro Ledesma Ramos trugen sich mit utopischen Aufstandsplanungen bzw. dem Versuch, die momentane Schwächung der Linken auszunutzen und die Falange als revolutionäre Kraft zu profilieren. Die Partei sollte Massenagitation und drastischere Propaganda betreiben, flankiert durch direkte Aktionen gegen die bürgerliche Ordnung als Vorbereitung auf die nationalistische Revolution. Immer weiter versank Spanien im Chaos von politisch motivierter Gewalt, Streiks und Unruhen. Zwecks Radikalisierung des Nationalsyndikalismus trat Ledesma auch in Kontakt mit unzufriedenen Aktivisten der anarchistischen Kampfgewerkschaft CNT. Auch wenn José Antonio im November eine Mitarbeit im sich unter Calvo Sotelo formierenden rechtsreaktionären Blocque Nacional ablehnte und damit den Marqués de Eliseda als zweiten falangistischen Parlamentsabgeordneten zum Parteiaustritt provozierte, gärte es weiter innerhalb der Partei. Die Falange hielt der Reaktion vor, sich hinter gestohlenen faschistischen Termini zu verstecken, umgekehrt wurde sie von Eliseda öffentlich als ketzerische und antiklerikale Bewegung angegriffen.
Bereits im Dezember hatte die Frustration wieder Einzug gehalten. Die Propagandaarbeit hatte kaum Wirkung bei Anhängern der orthodoxen Rechten wie bei der Arbeiterschaft hinterlassen und die Mitgliederentwicklung stagnierte. José Antonio trug sich bereits mit Auflösungsgedanken, nur der Gedanke an die Gefallenen der Bewegung hielt ihn zurück. Als die Monarchisten ihre Hilfszahlungen einstellten, stand die Falange vor dem Ruin. Der Parteichef konnte sich nicht mit dem Vorschlag durchsetzen, dem Blocque Nacional Konzessionen zu machen. In den Reihen der Parteilinken zeigte man sich unzufrieden mit José Antonios moderatem Kurs, seiner permanenten Führungsschwäche und seiner Person als Ganzes. Zwar bekämpfe man gewaltsam die Linke, aber gegenüber der Rechten blieb es bei feindseligen Lippenbekenntnissen. Am 14. Januar 1935 erklärten Ramiro Ledesma Ramos, der Begründer des spanischen Faschismus, und der CONS-Führer Nicasio Álvarez de Sotomayor ihren Parteiaustritt. Die von ihnen angestrebte Neugründung der alten Juntas de Ofensivas Nacional-Sindicalistas scheiterte jedoch auf ganzer Linie. Ihre bedeutungslose Splittergruppe näherte sich auf deutsche Vermittlung im Frühjahr 1936 wieder der Mutterpartei an. Zwar war auch Onésimo Redondo Ortega an der Parteirevolte beteiligt, aber da man sich der Loyalität seiner Hausmacht in Valladolid nicht sicher sein konnte, verzichtete José Antonio auf ein Parteiausschlussverfahren.
Offensichtlich hatte er aus seinen vorangegangenen Fehlern gelernt, denn die Falange radikalisierte sich von nun an spürbar. Im Januar und Februar verkündete José Antonio im Parlament und vor Studenten: "Eines ist sicher: Eine Rebellion ist immer nur gegen sich schon ihrem Ende nähernde Regime ausgebrochen. Andererseits ist die Existenz einer energischen Minderheit vonnöten, die diese Schwäche, diesen Mangel an innerer Daseinsgrundlage des anzugreifenden politischen Systems erkennt und ausnutzt, und es mit mehr oder weniger Fortune zu stürzen versucht. (…) Das Mittel gegen das Zersetzungsübel liegt darin, dass man eine neue Einheitsidee sucht, darin, dass man Spanien erneut als Einheit, als harmonische Synthese über den Streit zwischen Völkern, Klassen und Parteien auffasst. Die Lösung steht weder rechts (wo man, um ein politisches Werk zu schaffen, den Hunger der Masse vergisst) noch links (wo man, um die Massen zu erlösen, sie von ihrer nationalen Aufgabe entfremdet). Wir wollen untrennbar nationale Einheit und echte soziale Gerechtigkeit wiederherstellen. Da wir aber, um dies zu erreichen, auf Widerstand stoßen werden, sind wir entschieden revolutionär, um ihn zu brechen. (…) Derjenige Staat, der sich nur auf die ehrbaren bewaffneten Institutionen stützt und keine geistige Zustimmung hervorruft, ist dazu verdammt, von seinen Feinden besiegt zu werden."
Im Februar avancierte der studentische Aktivist Agustín Aznar zum ersten jefe nacional der mittlerweile auf 5000 Mann angewachsenen Parteimiliz. Die Falange existierte in jeder Provinzhauptstadt, Hochburgen waren neben Madrid, Valladolid, Santander, Burgos und Sevilla die Provinzen Badajoz und Cáceres. Allerdings waren die Mitglieder oftmals zu jung und politisch schlecht geschult, und die Führungskader bestanden zumeist aus Freunden und Verwandten José Antonios, der gerne Loyalität über echtes Talent stellte. Da die Klüngelbildung auf Provinzialebene kopiert wurde, kam es zu parteiinternen Machtkämpfen. Mehrfach musste der jefe único persönlich gegen rechtsgerichtete Unterwanderung einschreiten, während umgekehrt anarchistische Elemente in die Bewegung einsickerten. Im März 1935 setzte eine Propaganda- und Veranstaltungsoffensive ein, wobei der Schwerpunkt nun bei den Kleinbauern des spanischen Zentrums lag und nicht wie unter Ledesma Ramos bei den städtischen Mittelschichten und dem urbanen Proletariat. Dennoch: Unter Eindruck des Oktoberaufstandes erfolgten eine stärkere Akzentuierung der linken Programmpunkte und die Radikalisierung der antikapitalistischen Propaganda. Zum einen diente dies zur Distanzierung von der Rechten, zum anderen der Verhinderung eines linken Umsturzes durch Gewinnung der ländlichen und städtischen Massen für die Nation.
Ab dem 21. März 1935 erschien mit der Wochenzeitung „Arriba“ endlich wieder ein Parteiorgan, welches allerdings von Juli bis Oktober verboten war. Die Mitte-Rechts-Parteien wurden energisch bekämpft, da das Scheitern der bürgerlichen Regierung den Weg für eine revolutionäre Situation frei machen würde: „Die konterrevolutionären Politiker sind so naiv, dass sie meinen, sie könnten auf diese Weise der Wirklichkeit ein Schnippchen schlagen. Es handelt sich um ein idiotisches Ansinnen. Denn, ob es uns gefällt oder nicht, das Zeitalter ist revolutionär und die spanische Lage ist akut revolutionär...Man muss blind sein, um nicht zu sehen, wie die ganze politische und ökonomische Struktur der kapitalistischen Welt kracht und knistert und wie von Tag zu Tag sich die zwei einzigen Lösungen – und beide sind revolutionär – abzeichnen: die Diktatur des Proletariats oder der Nationalstaat, der soziale Gerechtigkeit durchsetzt und dem Volk eine kollektive Aufgabe zuweist. Es gibt keine andere Wahl, ob es gefällt oder nicht. Jede konterrevolutionäre Flickerei führt nur dazu, die antinationale Revolution zuzulassen." Verzweifelt ging die Staatsgewalt gegen den politischen Extremismus vor, welcher öffentliche Ordnung und Wirtschaft unterminierte, und behinderte auch die Arbeit der Falange energisch. Im April sicherte José Antonio sich italienische Hilfsgelder, welche über den Presseattaché der italienischen Botschaft in Paris flossen.
Am 9. April 1935 sprach José Antonio vor
dem Madrider Círculo Mercantil, einer Vereinigung von Kaufleuten und
Unternehmern. "Dieses
Großkapital also, dieses technische Kapital, dieses Kapital, das schließlich
ungeheure Ausmaße annimmt, hat...mit dem Eigentum im ursprünglichen,
menschlichen Sinne nichts zu tun, es ist vielmehr sein Feind. Wenn ich sehe, wie
Arbeitgeber und Arbeitnehmer in blutigen Kämpfen so weit gehen, sich auf offener
Straße umzubringen, oder wie sie Attentaten zum Opfer fallen, in denen eine
zügellose Grausamkeit zutage tritt, dann kommt mit häufig der Gedanke, dass
beide Parteien gar nicht wissen, gar nicht ahnen, dass sie in Wirklichkeit an
einer wirtschaftlichen Auseinandersetzung beteiligt sind, einer
Auseinandersetzung allerdings, in der beide Parteien nahezu auf der gleichen
Seite stehen, dass sie gar nicht ahnen, dass die Gegenseite, sowohl gegen
Unternehmer als gegen Arbeiter gerichtet, die Macht des Kapitalismus, die
Technik des Finanzkapitalismus ist...Gerade diese Hochfinanz siecht seit den
letzten 5 Jahren dem Zusammenbruch entgegen, einem Zusammenbruch, der sich auf
zweierlei Weise vollzieht: erstens in sozialer Hinsicht und zweitens durch die
Technik des Kapitalismus selbst...In einer zukünftigen Entwicklung, die sehr
revolutionär erscheint, dennoch aber sehr alt ist – denkt nur einmal an die Form
der alten europäischen Korporationen – wird man so weit kommen, dass die Arbeit
nicht mehr wie eine Ware veräußert wird, dass dieses bipolare Verhältnis endlich
fallengelassen wird, damit alle, die an der Erfüllung der wirtschaftlichen
Aufgabe beteiligt sind, alle, welche die nationale Wirtschaft bilden und
vervollständigen, in vertikalen Syndikaten zusammengefasst werden. In diesen
Syndikaten wird man weder paritätische Ausschüsse noch Verbindungsstücke
benötigen, denn sie werden organisch arbeiten, so wie zum Beispiel das Heer
funktioniert, ohne dass es jemandem einfiele, aus einfachen Soldaten und
Offizieren paritätische Ausschüsse zu bilden....Gerade die totale Revolution,
die totale Reorganisation Europas muss beim Individuum anfangen; denn
schließlich war es das Individuum, das am meisten zu leiden hatte, als die Welt
aus den Angeln gehoben wurde, das zu einem Atom wurde, ohne Persönlichkeit, ohne
Substanz, ohne Inhalt, ohne eigentliche Existenz, denn schließlich war es das
Individuum das zuletzt kam, als es darum ging, die Vorteile des Lebens
wahrzunehmen. Die ganze Organisation, die ganze neue Revolution, die ganze
Stärkung des Staates und die ganze wirtschaftliche Umstrukturierung wird nur das
einzige Ziel haben, dass endlich auch die ungeheuren, durch die liberale
Wirtschaft und durch den kommunistischen Versuch entwurzelten Menschenmassen in
den Genuss dieser Vorteile kommen.
Und das nennt man
Untergehen des Individuums im Staat? Im Gegenteil, das Individuum hat dann das
gleiche Schicksal wie der Staat. Der Staat hat zwei klar umrissene Ziele, wie
wir schon immer gesagt haben: eines nach außen hin, das Vaterland stark zu
erhalten und zu behaupten, das andere nach innen, eine größere Anzahl Menschen
glücklicher, menschlicher zu machen, sie intensiver am menschlichen Leben
teilnehmen zu lassen. Und an dem Tage, an dem das Individuum und der Staat in
totaler Harmonie vereint sind, wieder zur totalen Harmonie zurückgefunden haben,
nur noch ein einziges Ziel, ein einziges Schicksal, ein einziges Los kennen, ja,
an dem Tage kann der Staat stark sein, ohne zu tyrannisieren, denn nur dem Wohl
und dem Glück seiner Untertanen wird er seine Stärke weihen. Das ist es, wozu
sich Spanien in diesen Stunden aufraffen sollte: das Schicksal des Menschen und
das Schicksal des Vaterlandes wieder in harmonischen Einklang zu bringen.
Spanien müsste sich darüber klar werden, dass der Mensch nicht frei sein kann,
nicht frei ist, wenn er nicht als Mensch leben kann, wenn man ihm nicht ein
Existenzminimum zusichert; dass ihm dieses Existenzminimum nicht gewährt werden
kann, solange nicht die Wirtschaft auf anderen Grundlagen aufgebaut ist, die es
in stärkerem Maße ermöglichen, Millionen und aber Millionen von Menschen das
Leben genießen zu lassen; dass die Wirtschaft nicht geordnet werden kann ohne
einen starken Staat, der straff die Zügel führt; und dass es schließlich einen
solchen starken Staat nur im Dienst einer großen Schicksalsgemeinschaft geben
kann, nur im Dienst des Vaterlandes." Diese Prinzipien erschienen dem
Falange-Führer als "der Schlüssel für die Existenz Europas".
Wenig später, am 19. Mai, hielt er in Madrid eine weitere bedeutsame Grundsatzrede: "Wenn wir vom Kapitalismus sprechen...meinen wir nicht etwa das Eigentum. Das Privateigentum ist das Gegenteil des Kapitalismus. Das Eigentum ist die unmittelbare Projektion des Menschen auf die Dinge. Es ist ein grundlegendes Attribut des Menschen. Der Kapitalismus hat im Laufe der Zeit dieses Eigentum des Menschen durch das Eigentum des Kapitals verdrängt, des technischen Mittels zur wirtschaftlichen Beherrschung. Mit Hilfe der furchtbaren und ungleichen Konkurrenz zwischen Großkapital und kleinem Eigentum hat der Kapitalismus allmählich den Handwerksstand zugrunde gerichtet, die Kleinindustrie, das kleine Bauerntum. Er hat nach und nach alles...den großen Trusts in die Hände gespielt, den großen Bankkonzernen. Als Endergebnis bringt er Arbeitgeber und Arbeitnehmer...in die gleiche untermenschliche Lage eines Menschen, der aller seiner den Menschen kennzeichnenden Eigenschaften beraubt ist, all seines Lebensinhaltes...Es ist nun wirklich an der Zeit, nicht mehr dem Irrtum zu huldigen, die Arbeiterparteien müssten zwangsläufig gegen die Unternehmer eingestellt sein, und die Arbeitgeberparteien sähen ebenso notwendig in den Arbeitern ihre Feinde und Gegner im Kampfe. Arbeiter, Unternehmer, Techniker, Betriebsleiter bilden das Gesamtgerüst der Produktion. Ohne eigene Arbeit, durch kostspieligen Kredit, durch missbräuchliche Vorrechte der Aktionäre und Schuldbriefbesitzer reißt der Kapitalismus den besten Anteil an der Produktion an sich und bringt in gleicher Weise Arbeitgeber, Unternehmer, Organisationsleiter und Arbeiter an den Bettelstab und stürzt sie schließlich in den Abgrund....als Abendländer, Spanier und Christen müssen wir die Konstruktion einer neuen Ordnung beim Menschen, beim Individuum ansetzen. Wir müssen beim Menschen anfangen und durch seine organischen Einheiten hindurchgehen. So steigen wir vom Menschen zur Familie, von der Familie zur Gemeinde und auf der anderen Seite zum Syndikat empor. Oben gelangen wir schließlich zum Staat, der die Harmonie des Ganzen sein wird. In dieser politisch-historischen Konzeption, mit der wir die Welt betrachten, haben wir somit implizit die Lösung für die Wirtschaft. Wir werden den ökonomischen Apparat des kapitalistischen Eigentums, das allen Gewinn verschlingt, demontieren, um ihn zu ersetzen durch das individuelle, familiäre, kommunale und syndikale Eigentum...Es gibt keinen fruchtbaren Patriotismus, wenn er nicht auf dem Wege der Kritik zustande kommt. Ich sage euch, dass auch unser Patriotismus auf dem Wege der Kritik entstanden ist. Uns bewegt überhaupt nicht jener possenhafte Hurrapatriotismus, der an den Mittelmäßigkeiten, an den gegenwärtig in Spanien herrschenden Schäbigkeiten und an den ungehobelten Interpretation der Vergangenheit Vergnügen findet...Ihr werdet schon sehen, dass wir die Würde des Menschen wiederherstellen, um auf ihr die Würde aller Institutionen wiederherzustellen, die zusammen das Vaterland bilden." Die Rede enthielt eine klare Absage an die Restauration der Monarchie: "Die spanische Monarchie hat ihren Zyklus erfüllt, sie endete ohne Substanz und gab sich am 14. April 1931 als leere Hülse auf. Wir haben diesen Fall mit der Emotion festzustellen, die er verdient, und haben höchsten Respekt für die monarchistischen Parteien, die im Glauben an die Möglichkeiten der Zukunft die Menschen zu ihrer Wiedereroberung führen, aber – obwohl es uns bedrückt und obwohl sich im Inneren einige Gefühlsreserven und respektable Sehnsüchte immer wieder erheben – wir können der Jugend keinen frischen Impetus verleihen, welcher uns zur Wiederherstellung einer Institution führt, die wir für ruhmreich dahingeschieden ansehen."
Im Juli legte José Antonio im Parlament die Haltung der Partei zur drängenden Agrarfrage dar. Auf dem Land standen wenige steinreiche Großgrundbesitzer einem kopfstarken Agrarproletariat von Saisonarbeitern und Kleinpächtern gegenüber. Als Lösung propagierte die Falange nichts Geringeres als eine revolutionäre Agrarreform. Der Großgrundbesitz wurde zu einer Eigentumsform der Vergangenheit erklärt; er sollte zwecks Ansiedlung der hungernden Massen auf kultivierbarem Boden enteignet werden. Gegen die gegen die Agrarreform von 1932 gerichteten Maßnahmen der Regierung richtete sich heftige Kritik, José Antonio hielt der Republik vor, dass ihre Landreform bereits im Stadium der Bekanntgabe gescheitert sei.
Ebenfalls im Juli 1935 trat die Junta Política, der Parteivorstand, in El Parador de Gredos zu einer heimlichen Sitzung zusammen. Man diskutierte den Gedanken, durch einen falangistischen Aufstand ein Fanal zu setzen. Die Aussichtslosigkeit des Unterfangens war klar, aber eine Bewegung, zu deren Grundsätzen die Betonung des persönlichen Dienstes und Opfers gehörte, konnte durchaus hoffen, die Solidarisierung von Teilen des Militärs auszulösen. Fortan bereitete die Falange sich gezielt auf die Möglichkeit einer bewaffneten Auseinandersetzung vor und zog offenbar auch einen offenen Bürgerkrieg in Betracht. "Wir haben schon gelernt, dass die Masse sich selbst nicht erlösen kann, und dass die Führer keine Entschuldigung haben, wenn sie desertieren. Die Revolution ist Aufgabe einer entschlossenen, nicht zu entmutigenden Minderheit...Der Führer darf dem Volk nicht gehorchen, er hat ihm zu dienen. Das ist etwas völlig anderes. Dem Volk dienen heißt die Befehlsverhältnisse zum Wohle des Volkes klären und auch dann für das Wohl des Volkes sorgen, wenn es selbst seine Aufgabe nicht erkennt. Dem Volke dienen heißt sich in Übereinstimmung mit dem geschichtlichen Schicksal des Volkes fühlen, auch wenn es im Gegensatz zu dem Fühlen und Wünschen der Masse steht."
Mitte November 1935 hielt die Falange ihren 2. Nationalkongress in Madrid ab. José Antonio stellte die überraschende Idee einer Zusammenarbeit mit CEDA und Blocque Nacional in der “Nationalen Front” vor, die sich als Gegengewicht zur Volksfront der Linken formierte – im Februar 1936 standen angesichts des Scheiterns der bürgerlichen Regierung Neuwahlen an. Die Parteiführung attackierte den Liberalismus als "kapitalistisches System in seiner politischen Form", womit sie sich an den Standpunkt der Kommunisten annäherte. Zu den Forderungen der Partei gehörten die nationale Revolution, Bekämpfung des "linken Faschismus" der Volksfront, Agrarreform, Verstaatlichung der Banken, Brechung des kapitalistischen Einflusses in allen Sektoren, Bekämpfung der Aktiengesellschaften sowie Zwangszusammenlegung von konkurrierenden Unternehmen im Dienstleistungssektor. Die Mitarbeit in der Nationalen Front hatte lediglich das Ziel, um Stärke für die Umsetzung des falangistischen Programms zu gewinnen – wieder einmal befleißigte José Antonio sich einer schizophrenen Vorgehensweise. Allerdings scheiterten zunächst alle Verhandlungen mit der rechtskatholischen CEDA an gegenseitigen Vorbehalten. Falangeseitig beharrte man auf seiner Unabhängigkeit, da die Bewegung sich nicht als Guerrillastreitmacht anderer politischer Kräfte einsetzen lassen wollte. Der Parteivorstand hätte ohnehin nur regionalen und lokalen Wahlbündnissen zugestimmt, jedes weitere Entgegenkommen José Antonios hätte eine neue Parteirevolte ausgelöst.
Am 21. November wetterte der jefe único im Parlament gegen den Einfluss ausländischen Kapitals und ausländischer Fachleute, der einer Kolonisierung Spaniens gleichkomme: "Gegen die bürgerliche, individualistische Wirtschaft erhob sich die sozialistische, die die Gewinne der Produktion dem Staat zuschrieb, das Individuum versklavend...Gegen sie beide errichten wir die syndikalistische, die weder die individuelle Persönlichkeit im Staat absorbiert noch den Arbeiter in ein entmenschlichtes Teil des bürgerlichen Produktionsmechanismus verwandelt. Diese nationalsyndikalistische Lösung hat die fruchtbarsten Auswirkungen hervorzubringen. Sie wird mit einem Mal Schluss machen mit den politischen Vermittlern und mit den Parasiten. Sie wird die Produktion von den bedrückenden Lasten des Finanzkapitals befreien. Sie wird ihre Anarchie überwinden, indem sie sie ordnet. Sie wird die Spekulation mit den Produkten verhindern, einen einträglichen Preis garantierend. Sie wird vor allem den Zugewinn weder dem Kapitalisten noch dem Staat, sondern dem in seinen Syndikaten organisierten Produzenten zuweisen.“
Zum Jahresende formulierte José Antonio
die düster entschlossenen Worte: "Die
Massen unterscheiden nicht. Sobald sie stark wurden, rissen sie alles ohne
Unterschied mit sich fort. Die Welt ist zwischen extremen Positionen zu dem
grausamen Kampf unserer Tage gelangt. Die Demokratie, Tochter des Liberalismus,
hat ihren Vater getötet. Daran wäre nichts Schlechtes. Das Schlimme ist nur,
dass sie auf dem rechten Weg ist, auch die Freiheit zu töten. Um sie zu retten,
muss zu den ursprünglichen Kämpfen zurückgekehrt werden: Zur Stärke."
Der Weg in den
Bürgerkrieg (1936)
Die Falange ging isoliert in die
anstehenden Parlamentswahlen des Februar 1936. Zwar richtete sich der Wahlkampf
auch gegen den rechten Nationalen Block, aber diskret vereinbarte man bereits
die gemeinsame Unterstützung eines Militärputsches für den Fall eines linken
Wahlsieges. Eine Rede José Antonios, gehalten am 2. Februar in Madrid, legte
noch einmal den Standpunkt der Falangisten dar: "Der
liberale Kapitalismus mündet zwangsläufig in den Kommunismus. Es gibt nur eine
einzige gründliche und ehrliche Art, den Einbruch des Kommunismus zu vermeiden:
Man muss den Mut haben, den Kapitalismus abzubauen. Abbauen müssen ihn gerade
diejenigen, die er begünstigt, wenn sie wirklich verhindern wollen, dass die
kommunistische Revolution die religiösen, geistigen und nationalen
Traditionswerte aus dem Leben vertreibt. Haben sie wirklich diese Absicht, so
mögen sie uns helfen, den Kapitalismus abzubauen und eine neue Ordnung
einzuführen.
Das bedeutet nicht nur
eine wirtschaftliche Aufgabe: es ist ein hohes moralisches Ziel. Wir müssen den
Menschen ihren wirtschaftlichen Gehalt wiedergeben, damit sich wieder mit Gehalt
und Lebensfähigkeit ihre sittlichen Einheiten füllen, ihre Familie, ihre
Berufsgemeinschaft, ihre Gemeinde. Wir müssen erreichen, dass das menschliche
Leben wieder wie zu anderen Zeiten einen sicheren Zusammenhalt bietet. Und für
diese große wirtschaftliche und sittliche Aufgabe finden wir in Spanien die
besten Voraussetzungen. Spanien ist dasjenige Land, das am wenigsten unter der
kapitalistischen Härte gelitten hat. Spanien – gesegnet sei seine
Rückständigkeit! – ist noch am weitesten in der Entwicklung des Kapitalismus
zurückgeblieben. Spanien kann sich am ehesten retten aus dem Chaos, das der Welt
droht. Und wie zu allen Zeiten, so erklingen auch heute die Rufe nach der
Ordnung aus dem nationalen Munde. Die Nation, die als erste die Losung der neuen
Zeit verkündigt, marschiert allen Völkern voran. Wenn wir nur wollen, dann ist
jetzt der Augenblick, wo Spanien wieder die Führung in der Welt übernehmen kann.
Und sagt mir: Ist das nicht mehr wert als ein paar Wahlen zu gewinnen, als uns
bloß vorübergehend von der Furcht zu befreien?"
Die Wahlen vom 16. Februar 1936 endeten mit einem Sieg der von linksbürgerlichen Gruppen bis zu den Kommunisten reichenden Volksfront. Erwähnenswerte Ergebnisse konnte die Falange nur mit 4,6 % in Cádiz (José Antonio persönlich), mit 4,19 % in Valladolid, 1,9 % in Santander und 1,2 % in Madrid erzielen. Zu diesem Zeitpunkt verfügten Partei, Parteimiliz und Studentensyndikat zusammen über rund 10.000 Mitglieder. Der Faschismus erwies sich in Spanien als schwächer als in beinahe jedem west- und nordeuropäischen Land. In Falange-Kreisen sah man den Sieg der Volksfront nicht sofort als Desaster an, sondern als Bestätigung der eigenen Analyse und der radikalen Taktik. Der legalistische Kurs der orthodoxen Rechten hatte in der Tat nichts eingebracht - man war sicher, auf dem richtigen Weg zu sein. José Antonio hoffte offenbar auf die Abspaltung eines national orientierten Flügels der Sozialisten um den durchaus mit nationalsyndikalistischen Ideen sympathisierenden Indalecio Prieto. Er ordnete an, alle Propaganda gegen die Rechte auszurichten, sich nicht an Putschplanungen und Verschwörungen zu beteiligen und jegliche Provokation der Linken zu unterlassen. Die Unterführer waren begreiflicherweise irritiert und skeptisch. Immerhin profitierte die Bewegung von der Amnestie für politische Straftaten. Für die nun massenhaft in die Partei strömenden Neumitglieder aus den Reihen des Nationalen Blocks wurde eine Anwärterzeit von vier Monaten angeordnet, vorher durften sie keinerlei Funktionen bekleiden.
Die Hoffnungen wurden rasch enttäuscht. Ab Ende Februar ging die neue Regierung Azana gegen die extreme Rechte vor und ließ die Gegenseite unbehelligt. Die Parteibüros der Falange wurden geschlossen, die Partei sah sich erstmals einem direkten und landesweiten Verbot gegenüber. Gleichzeitig verübten linke Kommandos zahlreiche Morde an Falangisten, was von der Regierung mit einer weiteren Verhaftungswelle beantwortet wurde – erneut gegen die Falange gerichtet. Die Führungskader der Bewegung wurden im Madrider Mustergefängnis inhaftiert; auch José Antonio, dem man die Fortführung einer verbotenen subversiven Vereinigung vorwarf. Nachdem ein falangistischer Mordanschlag auf den Sozialistenführer Largo Caballero scheiterte, verschärfte sich die Repression weiter, die Zahl der Verhaftungen ging bald in die Hunderte. Obwohl im Sommer 2000 Falangisten hinter Gittern saßen, füllten Tausende neuer Aktivisten die Lücken mehr als auf, außerdem war das Polizeinetz der Republik recht weitmaschig. Die Organisationsstruktur konnte vor allem durch den Einsatz der nicht verbotenen Sección Feminina aufrechterhalten werden. Angesichts der Radikalisierung der spanischen Rechten war Geld nun auch für die Falange kein Problem mehr.
Getreu ihrer militanten Ausrichtung beantwortete die Parteimiliz Terror mit Gegenterror, und spätestens ab Mitte April glitt Spanien in bürgerkriegsähnliche Zustände ab. Innerhalb von 90 Tagen töteten falangistische Pistoleros erstmals weitaus mehr Opfer als die Bewegung selbst Verluste erlitt. Die „Falange de la sangre“ machte vor niemandem mehr halt, selbst Universitätsprofessoren waren nicht mehr sicher. Infolge von Illegalisierung und Ausschaltung der zentralen Führung geriet die Partei außer Kontrolle und war zu diesem Zeitpunkt womöglich die gewaltorientierteste Organisation Spaniens. José Antonio und die im Cárcel Modelo inhaftierten Kader hatten zwar bequeme Haftbedingungen und gute Kontakte nach außen, aber die radikalisierte Basis konnten sie kaum kontrollieren. Die Behörden überhäuften die Gefangenen mit wahren, halbwahren und unwahren Anklagen, nicht zuletzt um die Freilassung José Antonios zu verhindern.
Mitte März nahm José Antonio Kontakt zur italienischen Botschaft ab und brachte den Gedanken eines bewaffneten Aufstandes gegen die Republik ins Gespräch. Die Falange reorganisierte sich auf Zellenbasis, und die Parteimiliz wurde auf den aktiven bewaffneten Kampf ausgerichtet und durch die wehrfähigen Studenten der SEU verstärkt. In einem Zirkular forderte José Antonio das Militär auf, Spanien vor der Volksfront zu retten. "Wie Spengler gesagt hat, hat letztlich immer eine Abteilung Soldaten die Kultur gerettet." Ab Mitte Mai stand der Parteichef mit dem in Putschplanungen verwickelten General Mola in Verbindung. Am 20. Mai 1936 konstatierten José Antonio und Ruíz de Alda, Spanien befinde sich angesichts des einseitigen Vorgehens der Regierung gegen die Rechte bereits im Zustand des Bürgerkrieges. Die Parteimiliz wurde angewiesen, sich auf einen Militärputsch vorzubereiten und diesen zu unterstützen, und die Führung verteilte Todeslisten an die Pistoleros. Bei Nachwahlen in Cuenca gewann José Antonio einen Parlamentssitz (und damit die Freiheit), aber nach Terror und Manipulation durch die Volksfront wurde ein Linker zum Sieger erklärt. Kurz darauf verlegte die Regierung die Brüder José Antonio und Miguel Primo de Rivera ins Polizeigefängnis von Alicante.
Mitte Juni hatte die Bewegung bereits um die 150.000 Mitglieder, von denen seit den Wahlen mindestens 48 ermordet und 500 verwundet wurden. Niemand kannte die genauen Mitgliederzahlen, ohnehin ging die politische Initiative mehr und mehr auf die orthodoxe Rechte und das Militär über. In einem schriftlich beantworteten Interview formulierte José Antonio: "Im wirtschaftlichen Sinne strebt die Falange einen totalen Syndikalismus an; d.h. sie will, dass der Mehrwert der Produktion völlig im Besitz des organischen, vertikalen Syndikats der Produzenten bleibt, dem seine eigene ökonomische Potenz den nötigen Kredit zum Produzieren bereitstellt, ohne dass er – teuer – bei der Bank ausgeliehen werden muss. Vielleicht haben diese ökonomischen Richtlinien mehr zu tun mit dem deutschen als mit dem italienischen Programm. Die Falange ist aber andererseits nicht rassistisch noch kann sie es sein." Der Parteichef warnte vor rechten Opportunisten, die sich hinter der Falange-Programmatik versteckten und versuchten, die Bewegung auszunutzen und unter Kontrolle zu bringen. In einem prophetischen Rundschreiben an die Parteifunktionäre hieß es, die Falange habe die Armee stets als vaterländische Kraft respektiert, aber das bedeute keinesfalls die Zustimmung zu allen Gedanken, Äußerungen und Projekten von einzelnen Offizieren oder Gruppen. Die Militärs würden von hausgemachten Problemen als Wurzel der spanischen Krise ausgehen und keinesfalls den ersehnten Neuen Staat schaffen, die Beteiligung an einem Aufstand würde selbst im Falle eines Sieges den Untergang des Falangismus bedeuten. Die potentiellen Verbündeten betrachteten die Bewegung lediglich als Schocktruppe, der Kampf werde keinesfalls zum Nationalsyndikalismus führen.
José Antonio konnte jedoch nicht mehr verhindern, dass die lokalen Führer sich mit den Militärs und den ultrakonservativen Karlisten einließen und verbünden. Auf Druck der Karlisten und der neuen Junta Política ruderte der Jefe zurück. Die militärische Zusammenarbeit sollte nun exklusiv mit dem Befehlshaber des nahenden Aufstandes vor Ort erfolgen. Für den Kampf selbst war die Bildung selbständiger Einheiten unter eigenem Befehl vorgesehen, nur ein Drittel aller Falangisten vor Ort sollte dem Militär direkt unterstellt werden. Während die heterogenen Verschwörerkreise (Militärs, Monarchisten, Karlisten, Konservative etc.) noch hektisch verhandelten, ermordeten am 13. Juli 1936 republikanische Polizisten den Monarchistenführer José Calvo Sotelo – der Lunte war entzündet, die das spanische Pulverfass zur Explosion bringen sollte.
Am 17. Juli 1936 begann im spanischen
Nordmarokko der Militärputsch, welcher Spanien in die blutigste militärische
Auseinandersetzung seiner Geschichte, in einen Bürgerkrieg, stürzen sollte. Am
gleichen Tag schrieb José Antonio im Gefängnis ein Manifest nieder: "Dieses
Schauspiel bietet unser Vaterland gerade zu jener Stunde, in der es durch die
Weltsituation dazu aufgerufen ist, erneut einer großen Bestimmung gerecht zu
werden. Die fundamentalen Werte der spanischen Kultur erlangen nach
Jahrhunderten des Niedergangs ihre alte Autorität zurück, während andere Völker,
die ihre Hoffnung auf einen fiktiven materiellen Fortschritt gesetzt hatten,
ihren Stern von Minute zu Minute sinken sehen. Unserem alten, sendungsbewussten,
soldatischen Spanien, unserem Spanien der Bauern und Seefahrer, eröffnen sich
herrliche Wege. An uns, am spanischen Volk liegt es, ob wir sie gehen, ob wir in
Einigkeit und Frieden leben werden, mit Herz und Hand tatkräftig mitarbeiten im
gemeinschaftlichen Bestreben, das Vaterland groß zu machen. Ein großes Vaterland
für alle, nicht für eine Gruppe Bevorrechtigter. Ein Vaterland, groß, einig,
frei, angesehen und reich. Im Kampf um dieses Spanien brechen wir heute offen
mit den das land knebelnden antispanischen Kräften. Unsere Erhebung ist ein
Dienst an der Sache Spaniens.
Wenn es darum ginge, nur
eine Partei durch die andere, nur eine Diktatur durch die nächste zu ersetzen,
würde uns der Mut – Zeichen der reinen Seele – fehlen, dieses Wagnis der letzten
Entscheidung auf uns zu nehmen. Dann gäbe es auch in unseren Reihen keine Männer
in der Uniform des Heeres, der Marine und der Luftwaffe, der Guardia Civil. Sie
alle wissen, dass sie ihre Waffen nicht zugunsten einer einzelnen Partei
gebrauchen dürfen, sondern nur im Dienst für das ewige Fortbestehen jenes
Spaniens, das jetzt unterzugehen droht. Unser Sieg wird kein Sieg der Reaktion
sein, und er wird vom Volk nicht den Verlust irgendeines Vorteils bringen. Ganz
im Gegenteil: Unser Werk wird eine nationale Tat sein, es wird die
Lebensbedingungen des Volkes, die jetzt in manchen Landsteilen wahrhaft
furchtbar sind, verbessern, und das gesamte Volk wird dann teilhaben am Stolz
über den Wiedergewinn einer großen Bestimmung.
Arbeiter! Bauern!
Intellektuelle! Soldaten! Seeleute! Wächter unseres Vaterlandes! Schüttelt
angesichts des Unterganges Spaniens die Resignation ab und kämpft mit uns für
ein einiges, freies und großes Vaterland!
Gott helfe uns! Hoch lebe
Spanien!"
Als sich am 24. Juli in Burgos eine Militärjunta konstituierte, wurden die Falangisten nicht hinzugezogen. Die nationale Zone zerfiel in die jeweiligen Bereiche der Putschführer wie Mola im Norden, Franco in Afrika oder Queipo de Llano in Sevilla. Zu dieser Zeit war die Falange eher eine politische Polizei als eine Partei. Ihre Streifen patrouillierten überall und kontrollierten Verdächtige. Getreu der aktivistischen Doktrin schritt man zu Beschlagnahmungen von Kraftfahrzeugen und Gebäuden, oftmals wurden vermögende Bürger oder Institutionen unter Gewaltandrohung gezwungen, die Bewegung finanziell zu unterstützen. Auch widerspenstige Pfarrer waren nicht unantastbar. Die Plakate der Falange waren in der nationalen Zone allgegenwärtig: „Die Falange ruft dich, jetzt oder nie. Es gibt keinen Mittelweg. Mit uns oder gegen uns!"
Die Falangisten stellten zwar nicht so effektive Milizen wie die Karlisten, aber sie waren bald wesentlich zahlreicher. Ihre Freiwilligen kämpften unter ihrer der Fahne und der Parteihymne Hymne "Cara al sol", bis ein Dekret der Militärs die Armee als einzigen und verantwortlichen Träger der Aufstandsbewegung benannte und die spanische Fahne und Nationalhymne für verbindlich erklärte. Unvergessen ist die Beteiligung von 200 Falangisten an der heldenhaften Verteidigung des Alcázar de Toledo. Dennoch war das Verhältnis der Bewegung zu den Militärs von latentem Misstrauen gekennzeichnet, laufend kam es zudem zu Eigenmächtigkeiten und Auseinandersetzungen mit Behörden und anderen Milizstellen.
Brutale Massaker auf beiden Seiten kennzeichneten dieses Frühstadium des Bürgerkrieges, und die unkontrollierten Führer der Falange vor Ort beteiligen sich an den Abrechnungen. Mitglieder der republikanischen Parteien und Gewerkschaften wurden verhaftet und oftmals erschossen, mitunter verhaftete man alle bekannten Volksfrontwähler. Die Milizionäre handelten allerdings eher als Hilfsorgan der Armee und Polizei, die ihnen die Hinrichtungen überließen. In einigen Regionen hielten die Falangeführer ihre Einheiten sogar zurück und waren an einem Minimum rechtlicher Normen interessiert. Die Falange hat keine Alleinverantwortung für das Gemetzel, das Ausmaß der Gewalt hing ganz von den Launen des örtlichen Befehlshabers ab. Durch offenen und öffentlichen Terror schüchterten die zahlenmäßig zunächst schwachen Rebellen gezielt potenzielle Gegner ein.
Die Falangisten waren nicht nur Täter, sondern auch Opfer: Innerhalb der ersten 6 Wochen des Bürgerkrieges massakrierten die Roten mindestens 2000 Aktivisten, vor allem die bekannten „Althemden“ (camisas viejas) und Spitzenfunktionäre. Keine faschistische Bewegung hat so viele Opfer im Kampf um die Macht zu beklagen gehabt wie die Falange Espanola. Die Republikaner ermordeten ihre Führungskader wie Ruíz de Alda, Ramiro Ledesma Ramos oder Onésimo Redondo Ortega. Der massenhafte Zulauf von anderen Rechtsparteien, aber auch von ehemaligen Linken vor allem aus der Industriearbeiterschaft, hatte ideologische Aufweichung mit einem breiten Spektrum von nationalsyndikalistischen Revolutionären bis hin zu monarchistischen Gruppen zur Folge. Mit Kriegsbeginn entwickelte die Falange einen bisher nicht gekannten Glaubenseifer: Die Aktivisten mussten zur Messe gehen, die Beichte ablegen und die Kommunion empfangen, und die Propaganda stellte den idealen Falangisten als halb Mönch, halb Krieger dar. Festzuhalten ist, dass sich die Freiwilligenbewegung nicht nur auf die republikanische Seite beschränkte: Erinnert sei an die portugiesische Legion Viriato, die französische Bandera "Jeanne d´Arc" oder an das irische Bataillon unter Eoin O´Duffy und die Handvoll rumänischer Freiwilliger aus den Reihen der Eisernen Garde.
Am 20. November 1936 wurde José Antonio Primo de Rivera nach mannigfachen Rettungs- und Austauschversuchen in Alicante hingerichtet, wegen Vorbereitung eines militärischen Aufstandes gegen die Republik zum Tode durch Erschießen verurteilt. Im Testament schrieb er: "Es bestürzt mich, dass selbst nach drei Jahren die ungeheure Mehrheit unserer Landsleute darauf beharrt, uns zu beurteilen, ohne nur im Entferntesten begonnen zu haben, uns zu verstehen, und ohne gar die geringste Information gesucht oder angenommen zu haben. Sollte sich die Falange als etwas Beständiges konsolidieren, dann hoffe ich, nehmen alle den Schmerz wahr, dass soviel Blut vergossen wurde, weil man uns keine Lücke ernsthafter Aufmerksamkeit zwischen der blinden Wut auf der einen Seite und der Antipathie auf der anderen Seite geöffnet hat. Dieses vergossene Blut möge mir den Teil, für den ich verantwortlich bin, verzeihen."
Staatspartei (1936-1939)
Am 1. August 1936 trafen sich in Valladolid einige überlebende Falangeführer und erkannten Agustín Aznar als jefe nacional der an den Fronten des Bürgerkrieges kämpfenden Milizen an. Nach Kontaktaufnahme mit den Kameraden im Südsektor wurde in der gleichen Stadt am 02. eine weitere Konferenz abgehalten, um die Weichen für den weiteren Weg der Bewegung zu stellen. Die Falange hatte bei Ausbruch des Krieges das Gros ihrer alten Führungsgarnitur verloren. Die Überbleibsel der Madrider Gruppe um Aznar wollten an José Antonio als Parteichef festhalten, aber die Mehrheit fürchtete die Machtergreifung der mächtigen jefes von Sevilla (Joaquín Miranda) und Valladolid (Andrés Redondo). Als Ausweichlösung entstand eine provisorische Junta de Mando unter dem antiintellektuellen Agitator Manuel Hedilla (Santander) als Ausweichlösung. Hedilla fungierte bereits seit Juni als Parteiinspekteur und war (nach dem in Alicante eingekerkerten José Antonio) der höchstrangige Überlebende der alten Parteiführung. Juntamitglieder waren Aznar, Redondo, José Moreno (Navarra), Jesús Muro (Zaragoza) und José Sainz (Toledo).
Diese Interimsführung sollte den Wiederaufbau der Partei sicherstellen bis zur Befreiung des Jefe. Es bildeten sich diverse Cliquen: Der Norden unterstützte Hedilla, die mächtigste Gruppe blieben allerdings weiterhin die Legitimisten, die Anhänger José Antonios. Darüber hinaus strömten zahlreiche rechtskatholische Opportunisten in die Reihen der Falange, die sich bald um Francos Schwager Ramón Serrano Suner sammeln sollten. Hedillas Hauptproblem waren die jefes provinciales von Valladolid, Marokko und Sevilla. Er hatte keinesfalls die Qualitäten José Antonios, seine Aufgabe war eindeutig eine Nummer zu groß für ihn. Im Gegensatz zu den nun feudal-theatralisch lebenden Miliz- und Parteiführern führte er ein bescheidenes Leben und zeichnete sich durch klare Tendenzen zu einem revolutionärem Faschismus aus: Hedilla installierte Gerardo Salvador Merino als jefe provincial von La Coruna. Dieser gab das deutliche Motto aus "" und musste nach wenigen Monaten abgelöst werden Nieder mit der Bourgeoisieauf Druck der Militärs und des Bürgertums abgelöst werden. Der Leser möge sich diesen Namen merken, von Salvador Merino werden wir in der nächsten Fortsetzung noch einiges hören. Wichtig für das Prestige der Falange wurde die von Onésimo Redondos Witwe begründete Winterhilfe, das auxilio social. Hierbei handelte es sich um eine Hilfsorganisation auf freiwilliger Basis, die das Elend der Zivilbevölkerung lindern sollte. Obwohl die Militärs für die Kriegsdauer sämtliche politischen Aktivitäten untersagt haben, gelang der Falange die zwangsweise Gleichschaltung aller Unternehmer durch die Central de Empresarios Nacional Sindicalista CENS. Die falangistische Gewerkschaft CONS blieb die einzige Vertretung der Arbeitnehmerinteressen in Nationalspanien.
Zur gleichen Zeit wurde General Franco in die Junta von Burgos aufgenommen, die militärischen Erfolge der Afrika-Armee festigen seine Stellung immer weiter. Mitte August hissten Franco, Queipo de Llano und Millán Astray in Sevilla erstmals die Fahne Nationalspaniens – allerdings nicht die Fahne der Falange Espanola, sondern das alte Banner des Königreiches. Kurz danach leiteten die Militärs die Reklerikalisierung des Erziehungs- und Bildungswesens ein, ebenfalls ein Affront gegen die Falangisten. Milláns Rede mag als Beispiel für die Aggressivität des nationalen Lagers stehen: "Wir fürchten sie nicht, sie sollen nur kommen und sehen, was wir unter dieser Fahne können! (...) keine Vivas für mich! Aber ruft alle mit mir: Viva la muerte! Abajo la inteligencia! Jetzt sollen die Roten kommen! Tod ihnen allen!" Der Schlachtruf der Regulares, der spanischen Fremdenlegionäre, fand weite Verbreitung im nationalen Lager.
Am 1. Oktober 1936 avancierte Franco unter staatsstreichartiger Überrumpelung der anderen Junta-Mitglieder zum Staatsoberhaupt Nationalspaniens. Ihm zur Seite stand eine Junta Técnica als Militärregierung unter General Graf Jordana. Francos Antrittsrede legte seine Vorstellungen vom künftigen Spanien dar, die keinen neuen Ansatz erkennen ließen: Abschaffung des allgemeinen Wahlrechtes zugunsten „einer besseren Methode, den Volkswillen zum Ausdruck zu bringen", Schutz der Arbeiterschaft vor den Auswüchsen des Kapitalismus, Respektierung der Kirche, Überprüfung des Steuersystems, Förderung des selbständigen Bauerntums, Restitution des enteigneten Großgrundbesitzes, Aufhebung der republikanischen Verfassung, Wiederherstellung der alten Privilegien des Klerus, Annullierung aller Scheidungen und Zivilehen aus der Republikzeit. Franco war allerdings bereits jetzt klar, dass die heterogenen Kräfte im nationalen Lager vereinheitlicht werden mussten; es galt, eine gemeinsame Ideologie zu schaffen.
Die Junta de Mando verlegte ihr HQ nach Salamanca, wo auch Francos Oberkommando residierte. Ihre Führung war um enge Zusammenarbeit mit der Armee bemüht. Die neuen Mitglieder hatten größtenteils keinerlei Kenntnis von der Parteiideologie, es entstand eine diffuse Massenbewegung. Franco wurde weiterhin nur als Generalissimus bezeichnet, die politische Führerschaft wollte man ihm nicht zuerkennen. Hauptchance der Bewegung war zunächst die Propaganda, an der die Militärs weniger Interesse hatten. Die falangistische Agitation wandte sich schwerpunktmäßig an die Arbeiterschaft, attackierte die orthodoxe Rechte und betonte die sozialrevolutionären Programmpunkte. Perspektiven eröffneten ferner die ideologische Beeinflussung der Bürgerkriegsfreiwilligen in den anwachsenden Milizen und die Bildung eines Blocks von Exkombattanten, der nach dem Sieg seine Forderungen anmelden könnte. Die Falange kollidierte mit ihrem politischen Führungsanspruch durchaus mit der Militärzensur, deren Anweisungen nicht selten ignoriert wurden. Infolge des massenhaften Einsickerns ehemaliger Linker, die in einigen Bereichen die Mehrheit der Mitglieder stellten, verstärkte sich die sozialrevolutionäre Ausrichtung der Bewegung weiter. Hierbei erhielt Hedilla nicht unerhebliche Unterstützung durch die im November in Burgos eröffnete deutsche Botschaft.
Ein Zusammenstoß zwischen den sozialrevolutionären Hedellistas und dem auf Kirche, Kapital und Militär setzenden Franco war unausweichlich. Prophetisch klingen die Worte José Antonios, die er am 24. Oktober gegenüber einem ausländischen Journalisten äußerte: „Sie haben ja das Programm unseres Nationalsyndikalismus gelesen, unserer Agrarreform und all dies...Ich weiß aber schon heute, dass ich mich mit der Falange zurückziehen werde, wenn diese Erhebung gelingt und es sich dann herausstellt, dass sie nichts anderes als reaktionär ist. Dann werde ich innerhalb weniger Monate in dieses oder in ein anderes Gefängnis zurückkehren." Seine Hinrichtung am 20. November 1936 wurde in Nationalspanien nicht bekannt gegeben, die Propaganda sprach weiterhin vom „Abwesenden“, vom ausente. Franco war von einem gefährlichen Konkurrenten befreit, und die potenziellen Nachfolger Fernández Cuesta und Serrano Suner befanden sich noch in republikanischer Haft. Der Tod des ehemaligen Parteichefs wurde erst am 18. Juli 1938 bekannt gegeben, garniert mit der Lüge Francos, José Antonio habe ihm schon 1934 die Parteiführung angetragen.
Als ersten Schritt unterstellte Franco am 22. Dezember sämtliche Milizen dem Militärkommando und verschmolz sie in den folgenden Monaten mit dem nationalen Heer. Bereits im Dezember nahmen die ultrakonservativen Karlisten und der rechte Falangeflügel Verhandlungen über eine Verschmelzung beider Bewegungen auf. Franco griff zusammen mit dem aus der Gefangenschaft geflüchteten Serrano Suner den Gedanken auf. Suner suchte nach einer theoretischen und ideologischen Basis für das neue Spanien. In seinen Augen entsprach keine der nationalen Parteien den Erfordernissen der Lage, und man konnte sich nicht auf ewig auf die Armee verlassen. Die Spannungen zwischen dem auf die Gewinnung der ehemals roten Massen ausgerichteten Hedilla und dem bislang der Falange völlig fern stehenden Serrano Suner verschärften sich zusehends, und auch die Parteigänger José Antonios attackierten den provisorischen Parteichef als unfähig. Am 15. April 1937 wählte der Nationalrat der Falange in Salamanca ein neues Triumvirat als Parteileitung: Sancho Dávila als Führer der Rechten und dazu José Moreno und Agustín Aznar. Rafael Garcerán wurde vorläufiger Generalsekretär, Hedilla behielt den unklaren Titel eines provisorischen jefe nacional. Kurz darauf kam es in Salamanca zu gewalttätigen Zusammenstößen zwischen Hedellistas und Rechtsfalangisten, und nur das Eingreifen Francos verhinderte, dass revolutionär-falangistische Milizionäre das Triumvirat aushoben. Als Folge stellte der Nationalrat sich geschlossen hinter Manuel Hedilla.
Franco, Staatschef und Oberbefehlshaber, schritt nun zum Staatsstreich von oben und verkündete am 19. April 1937 die Beschlüsse von Salamanca. Er betonte die Notwendigkeit für das nationale Lager, zusammenzustehen. Eine neue politische Einheit sollte zum Bindeglied zwischen Staat und Gesellschaft werden. "Wie in anderen Ländern mit totalitärem Regime gelangt nunmehr auch in Spanien die traditionelle Kraft dahin, sich wesenhaft mit einer neuen Kraft zu verbinden: Die Falange Espanola brachte mit ihrem Programm junge Massen ein, die werbende Kraft einer neuen Haltung, eine politische und heroische Form, die unserer Zeit entspricht, und eine Verheißung der Erfüllung Spaniens. Die Requetés verbringen mit ihrem kriegerischen Geist und das heilige Unterpfand der spanischen Tradition. Sie erhielten sie standhaft in den wechselvollen Zeiten samt ihrer katholischen Geistigkeit, die ein grundlegendes Gestaltungselement unserer Nationalität war und an deren ewigen Prinzipien der Moral und der Gerechtigkeit sie sich stets auszurichten haben wird." Falange und Requetés, die karlistischen Milizionäre, seien nun im Dienst fürs Vaterland vereinigt. „Ihre programmatische Norm ist gesetzt durch die 26 Punkte der Falange." Punkt 27 war somit gestrichen, also der Führungsanspruch der Falange. Zudem erklärte Franco das Programm für veränderlich, es sollte stets offen bleiben „für Revisionen und Verbesserungen, die die Wirklichkeit erfordert". Am Ende legte Franco sogar ein wenig verklausuliertes Bekenntnis zur monarchischen Staatsform ab, die noch von José Antonio zum Relikt der Vergangenheit erklärt wurde.
„Artikel
I: Die Falange Espanola und die Requetés werden...unter meiner Führung in einer
einzigen politischen Einheit zusammengefasst. Sie nennt sich ab sofort Falange
Espanola Tradicionalista y de las JONS. Ihr gehören alle Inhaber von
Mitgliedsausweisen der Falange und der Communión Tradicionalista an.
Artikel 2: Chef dieser
politischen Körperschaft ist der Staatschef; ihm untersteht ein Sekretariat oder
ein politischer Ausschuss und der Nationalrat.
Artikel 3: Die Milizen
der Falange und der Requetés werden zu einer Nationalmiliz vereinigt...Die Miliz
ist Hilfsgruppe des Heeres. Ihr unmittelbarer Vorgesetzter wird ein General des
Heeres sein, dem zwei militärische Vertreter der vereinigten Kräfte sowie zwei
politische Beiräte durch Ernennung beigegeben werden."
Am 24. April tauchte Hedilla in Francos Hauptquartier auf und stellte politische Bedingungen für die weitere Unterstützung der nationalen Bewegung. Der Generalissimus ließ kurzerhand Hedilla und 20 weitere Falangeführer verhaften. Ein Militärgericht verurteilte Manuel Hedilla und 3 seiner Kameraden zum Tode, die Haftstrafen wurden aus Rücksicht auf die Stimmung an der Basis in lebenslange Haftstrafen umgewandelt. Von nun an schwebte über dem Haupt altfalangistischer Kritiker die Gefahr der Repression durch die reaktionäre Staatsführung. Franco achtete sorgsam auf die Niederhaltung jeder innerparteilichen Opposition. Die Verschmelzung mit den Karlisten bedeutete die faktische Eliminierung der Falange Espanola in ihrer alten Form, fortan war der Falangismus nur noch Teil einer größeren Einheit. In der neuen Massenbewegung stellten die Falangisten eine von mehreren Fraktionen dar. Es gab die radikalen nationalsyndikalistischen Althemden, die Neofalangisten um Ramón Serrano Suner, verschiedene monarchistische Gruppen und die reinen Opportunisten – das Lager Francos. Festzuhalten bleibt, dass auch die Neuhemden durchaus in Opposition zu Francos Plänen standen. Auch sie wollten keine sterile Franco-Bewegung, sondern eine staats- und gesellschaftstragende faschistische Partei aufbauen. Dennoch beugte sich die Parteimehrheit. Zum einen ging es darum, den Krieg zu gewinnen, zum anderen eröffnete die Rolle als Einheitspartei durchaus eine Perspektive auf die Erlangung der Macht im Staat. Die Partei war vor allem ein Bindeglied zwischen der Gesellschaft und dem Staatsapparat. Und hier befand sich die Falange gegenüber den Karlisten klar im Vorteil, da deren erzreaktionäre Anschauungen schlichtweg untauglich waren – das System benötigte eine Massenbasis, und nur die alt- oder neufalangistische Ideologie kam als umfassende Alternative zu den gesellschaftlichen Vorstellungen der Linken in Frage.
Am 4. August 1937 erließ Franco die neuen Statuten der Falange Espanola Tradicionalista y de las JONS (FET). Der „Caudillo“ als neuer jefe nacional ernannte den Nationalrat aus 50 bis 75 Mitgliedern. Dieser repräsentierte nunmehr die verschiedenen politischen Gruppierungen innerhalb der Einheitspartei, zwischen denen Franco schon jetzt taktierte. Die Junta Política bestand aus 12 Mitgliedern, von denen jeweils die Hälfte von Franco und vom Nationalrat bestimmt wurde. In diesem Parteivorstand saß lediglich ein einziger Altfalangist. Im Oktober wurde der erste Nationalrat berufen: Unter den 50 Mitgliedern befanden sich 20 Altfalangisten, 8 Karlisten, 5 Generale und 17 Monarchisten, Konservativen und Opportunisten. Mit Pilar Primo de Rivera und Mercedes Sánz Bachiller, der Witwe Onésimo Redondos, waren immerhin zwei Frauen im Nationalrat vertreten.
Es dauerte bis zum 1. Februar 1938, ehe Nationalspanien seine erste Regierung erhielt; ein Kabinett der nationalen Konzentration, wie es für den Franquismus typisch werden sollte. Die Regierung bestand aus 12 Fachministern unter Führung des Staatschefs. Altfalangistische Vertreter waren Raimundo Fernández Cuesta als Landwirtschaftsminister (und Sekretär des Nationalrates) und Pedro Sáinz Rodríguez als Minister für nationale Erziehung. Sáinz trat bald zurück, Nachfolger wurde García Valdecasas, der zum Monarchismus desertierte Mitbegründer der Ur-Falange von 1933. Die Neufalangisten standen deutlich besser da: Serrano Suner fungierte als Innenminister und FET-Generalsekretär, und sein Innenministerium erhielt zudem die Presse- und Propagandaabteilung unterstellt. Sein Gesinnungsgenosse González Bueno erhielt für das Ministerium für Syndikatsangelegenheiten, in welchem er sich als vollkommen unfähig erweisen sollte.
Der 9. März 1938 sah die Proklamation
des falangistisch geprägten Fuero del Trabajo. Arbeit wurde definiert als die „Teilnahme
des Menschen an der Produktion durch die freiwillige Ausübung seiner geistigen
und körperlichen Fähigkeiten, je nach der persönlichen Berufung, einem
ziemlichen und auskömmlichen Leben gemäß und zur besten Entwicklung des
nationalen Vermögens".
Arbeit war eine dem Menschen von Gott auferlegte Pflicht und konnte daher „nicht
auf den materiellen Begriff einer Ware herabgewürdigt werden noch Gegenstand
eines Geschäftes sein". Das
Fuero kannte sowohl das Recht auf Arbeit als auch die Pflicht auf Arbeit. Das
Kapital galt als Produktionsmittel, der Betrieb als Produktionseinheit, ordnete
die „ihn bildenden
Elemente...in einer Hierarchie, die die Produktionsmittel-Elemente den
menschlichen Elementen und alle dem Gemeinwohl"
unter. Jeder Betriebsführer war gegenüber dem Staat verantwortlich. Streik und
Aussperrung galten als Landesverrat. Der Staat legte die wirtschaftlichen
Interessen der Nation fest, und konnte in diesem Interesse auch selbst zum
Unternehmer werden. „Alle
Wirtschaftsfaktoren werden nach Produktions- oder Dienstleistungszweigen in
vertikalen Syndikaten zusammengefasst. Das vertikale Syndikat ist eine
Körperschaft des öffentlichen Rechts,...die hierarchisch unter der Führung des
Staates geordnet ist. Die Hierarchie des Syndikats wird ausschließlich von
aktiven Mitgliedern der Falange Espanola Tradicionalista y de las JONS besetzt.
Das vertikale Syndikat ist Instrument im Dienste des Staates, durch das er
hauptsächlich seine Wirtschaftspolitik ausführen wird. Es ist die Aufgabe des
Syndikats, die Probleme der Produktion zu kennen und Lösungen vorzuschlagen, die
dem nationalen Interesse untergeordnet sind. Das vertikale Syndikat kann mittels
besonderer Organe Einfluss nehmen auf die Reglementierung, Überwachung und
Erfüllung von Arbeitsbedingungen."
Das Endziel waren 5 gesamtstaatliche Syndikate für Landwirtschaft, Schiffbau,
Industrie und Handel, öffentliche Dienste und Kultur, darüber hinaus war eine
nationale Korporationsversammlung als Parlamentsersatz vorgesehen. Sämtliche
Syndikate standen jedoch während des Bürgerkrieges mehr oder weniger auf dem
Papier. Punkt 14 des Parteiprogramms fiel weg, Punkt 16 wurde abgeschwächt,
indem man die Angriffe auf die reichen Nichtstuer entfernte. Das Agrarprogramm
der Falange schrumpfte ebenfalls zusammen: Es enthielt nunmehr nur noch
Lohnerhöhungen für Landarbeiter und Hilfe des Staates bei der Landvergabe an
Pächter. Allerdings wurden zahlreiche sozialpolitische Maßnahmen angekündigt:
Arbeitszeitbegrenzung, Mindestlohn, verbesserte Sozialversicherung,
Familienzulage, bezahlter Urlaub, Lohnerhöhungen, Kündigungsschutz für Pächter,
Land für jede Bauernfamilie. Das Fuero hatte keine Gesetzeskraft, sondern war
ein Dekret des Francos und daher rechtlich zunächst umstritten; erst 1947 sollte
es den Rang eines Grundgesetzes erhalten.
Mitte April 1938 wurden die Syndikate CENS und CONS in den Centrales Nacionales
Sindicalistas CNS zusammengefasst. Bereits zuvor hatten die Falangisten
verschiedene Betriebe in Industrie und Landwirtschaft zwangsweise
syndikalisiert. Die Bewegung strebte nach dem offiziellen Monopol über die
gesamte arbeitende Bevölkerung. Kurz darauf kam es zu einer schweren Krise im
Nationalrat. Dieser hatte eine Kommission eingesetzt, um die Restrukturierung
der Partei voranzutreiben. Nicht zuletzt der Falangist Dionisio Ridruejo
forderte den Aufbau des totalen Staates, die Kontrolle der gesamten Verwaltung
durch die Partei und den Aufbau eigenständiger Milizen, womit er heftigen
Widerstand der von Monarchisten und Opportunisten dominierten Junta Política
auslöste. Im gleichen Monat scheiterte eine von den Nationalratsmitgliedern
Agustín Aznar und Fernando González Vélez betriebene Parteirevolte gegen den
Caudillo. Die Stimmung der Alt- wie Neufalangisten wird deutlich, wenn man die
Antwort eines Falangeführers, was die Einführung der Monarchie angehe, an einen
französischen Journalisten gewärtigt: „Es
gäbe einfach eine neue Revolution. Und diesmal, das kann ich versichern, ständen
wir nicht auf derselben Seite."
Nach dem nicht zuletzt mit falangistischem Blut teuer erkauften Sieg über die Republik am 1. April 1939 ging Franco an den weiteren Ausbau seiner Machtstellung. Ende Juli schwächte er den Nationalrat per Dekret weiter. Das Parteigremium bestand nun aus direkt vom Staatschef ernannten Mitgliedern und einer Reihe hoher Staats-, Wirtschafts- und Parteifunktionäre, die ihm kraft ihres Amtes angehörten. Ohnehin hatte der consejo nacional wenige Mitspracherechte, erst 1967 erhielt er den Rang eines Verfassungsorgans, dessen Mitglieder automatisch auch Parlamentsabgeordnete waren. Das Gesetz über die Stellung des Staatschefs vom 8. August 1939 bestimmte, das General Franco in Personalunion Staatsoberhaupt, Regierungschef, Parteivorsitzender, Oberbefehlshaber der Streitkräfte und Inhaber der gesetzgebenden Gewalt war. Noch nie in der spanischen Geschichte hatte ein Staatsoberhaupt eine derartige Machtfülle in seinen Händen vereinigt.
Es folgte eine Regierungsumbildung, nach der keine Althemden mehr im Kabinett vertreten waren. Serrano Suner wurde Innenminister und Vorsitzender der Junta Política, in welcher er die Monarchisten und Opportunisten zurückdrängte. Die falangistischen Hardliner wurden durch die Berufung des ihnen nahe stehenden Generals Augustín Munoz Grandes zum Generalsekretär zufrieden gestellt, um die Bildung einer offenen Opposition zu verhindern. Suner strebte selbst nach diesem Posten, konnte aber seinen Gefolgsmann Gamero del Castillo als Vizegeneralsekretär und Minister ohne Geschäftsbereich installieren; auch künftig sollte er seine Neuhemden mit Spitzenposten betrauen. Suner wurde immer mächtiger: 1940 übernahm er in Personalunion das Außenministerium in Personalunion und wurde nach dem Rücktritt Munoz Grandes auch faktischer Parteichef. Endziel war die Stellung eines Ministerpräsidenten, um Francos Machtfülle zu beschneiden. Die Altfalange war somit von den herrschenden Körperschaften abgeschnitten, ihr blieb nur noch der Verschleiß in der sich aufblähenden Bürokratie.
Zweiter Weltkrieg – die letzte Chance (1939)
Bei Kriegsausbruch erklärte sich Spanien, entsetzt über den Hitler-Stalin-Pakt, für neutral. Franco nutzte jedoch im Sommer 1940 die Lage, um Tanger zu annektieren und erklärte sich als „nicht kriegführend“. Pressionen der Briten (Spanien war von amerikanischen Treibstoff- und Nahrungsmittellieferungen abhängig) verhinderten einen Kriegseintritt, eine gewichtige Rolle spielte natürlich auch die mangelnde Bereitschaft Hitlers, auf Francos zu Lasten Frankreichs gehende Forderungen einzugehen.
Die ersten Jahre des Zweiten Weltkrieges sahen eine Phase heftiger Machtkämpfe zwischen den verschiedenen Fraktionen des Franco-Regimes. Zu nennen sind hier die radikalen Altfalangisten, Serrano Suners Neofalangisten, autoritäre Militärs und Technokraten sowie klerikal-konservative Zirkel. In Verwaltung und Regierungsposten herrschte eine klare Dominanz der Streitkräfte, aber dichtauf kam die Falange. Zunächst kann man von einer Koherrschaft beider Gruppierungen sprechen. Die FET entwickelte sich zur Massenorganisation mit 650.000 Mitgliedern, auf dem Höhepunkt 1942 waren es sogar 932.000. An die Stelle der radikalen Kampfgruppen der mittleren 30er Jahre trat jedoch eine ineffektive, uninteressierte, opportunistische Masse. Der Aufbau eines straffen Organisationssystems nach deutschem Vorbild scheiterte. Vorgesehen waren Distrikte, Sektionen, Straßenbeauftragte und Blockwarte in den größeren Städten. Vor allem bei den Altmitgliedern machte sich bald Frustration breit, sie zogen sich aus dem politischen Kampf zurück.
Denkfabrik der Bewegung sollte ein Institut für Politische Studien werden, doch dieses operierte weitgehend im luftleeren Raum. Hervorzuheben ist der radikalfalangistische Ansatz, nachdem der Faschismus nichts anderes als die Nationalisierung der Ideen von Karl Marx sei. Zu erwähnen ist auch Juan Beneyto Pérez als spanischer Propagandist des Führerprinzips. Laín Entralgo definierte den Falangismus 1941 als Bestandteil der nationalproletarischen Revolution, zu der auch Faschismus und Nationalsozialismus zu rechnen waren. Das unter José Miguel Guitarte wiederbelebte Studentensyndikat SEU agitierte gegen die reaktionären Tendenzen in Franco-Spanien, vor allem Generalsekretär Enrique Sotomayor forderte die nationalsyndikalistische Jugendfront.
Bei Ausbruch des Weltkrieges kontrollierte die Falange sieben Ministerien. Ramón Serrano Suner fungierte als Innenminister und Chef der zum Regierungsorgan erhobenen Junta Política. Alfonso Pena Boeuf war Minister für öffentliche Arbeiten, Oberst Juan Beigbeder bekleidete des Außenministerium, General Juan Yagüe das Luftwaffenministerium. Minister ohne Fachbereich waren FET-Generalsekretär General Agustín Munoz Grandes (zugleich auch Chef der Parteimiliz), sein Vize Pedro Gamero del Castillo und Rafael Sánchez Mazas als Vizevorsitzender der Junta Política. Weitere Falangisten in wichtigen Positionen waren José Antonio Girón als Chef des Veteranenverbandes und Manuel Valdéz Larranaga als Unterstaatssekretär für Arbeit. In der Regierung saß kein einziger Altfalangist, obwohl Yagüe und Munoz Grandes den radikalen Althemden nahe standen. In der Junta Política befanden sich mit Dionisio Ridruejo, Miguel Primo de Rivera (Parteichef Madrid) und José María Alfaro nur drei Althemden, im Consejo Nacional stellten die Altfalangisten unter den 100 Mitgliedern nur 24 Vertreter.
Bei den Altfalangisten herrschte massive Unzufriedenheit mit der unter Franco betriebenen faktischen Restauration der vorrepublikanischen Zustände. Hauptprofiteure des Regimes waren die Militärs, die Kirche, die Großgrundbesitzer, die Monopolbourgeoisie und die mit beiden eng verflochtene Finanzoligarchie. Für Unmut in den Reihen der radikalen Nationalsyndikalisten sorgte nicht zuletzt die Innenpolitik Francos. Am 7. September 1939 stellte ein Gesetz die großagrarischen Besitzverhältnisse von vor 1931 wieder her. An die Stelle von Agrarreform und sozialer Umstrukturierung trat die innere Kolonisation. Das Gründungsverbot für neue Banken vom 17. Mai 1940 leitete einen massiven Konzentrationsprozess des Finanzkapitals ein. Eine Steuerreform erhöhte lediglich die Verbrauchssteuern und schonte die besitzenden Klassen. Franco strebte nach einem Konkordat mit dem Vatikan und ordnete sehr zum Unwillen der latent antiklerikalen Falangisten die Steuerfinanzierung der ohnehin schon steinreichen katholischen Kirche an.
Den falangistischen Vorstellungen
ansatzweise entgegen kam die Wirtschaftspolitik des Regimes. Ein Gesetz vom 24.
Oktober 1939 sah vor, dass für „nationale Belange“ bedeutsame Industrien einen
Sonderstatus erhalten konnten. Einerseits kamen sie in den Genuss erheblicher
Privilegien, andererseits erhielt der Staat das Recht, direkt in die
Unternehmensentscheidungen einzugreifen. Unter den nationalen Belangen war
zunächst der erst Ende der 40er Jahre abgeschlossene Wiederaufbau des
verwüsteten Landes zu verstehen, daneben auch die autarkistische Ausrichtung der
Wirtschaft und die Landesverteidigung. Bereits am 8. September hatte Franco die
Errichtung neuer Industriebetriebe und die Umrüstung bestehender Firmen
genehmigungspflichtig gemacht. Importe konnten nur noch mit Lizenzen des
Handels- und Industrieministeriums getätigt werden.
Faktisch wurden nur noch die allernotwendigsten Rohstoffe und Ausrüstungsgüter
eingeführt – das Regime strebte schon jetzt Importsubstitution und nachholende
Industrialisierung an. Am 24. November 1939 wurden die maximalen
Auslandskapitalbeteiligungen auf 2% begrenzt und die Stimmrechte ausländischer
Kapitaleigner beschränkt. Nichtspanische Produkte durften nur noch mit
Ausnahmegenehmigung verwendet werden, was auch für Importe galt. Grundsätzlich
war die Errichtung staatlicher Betriebe vorgesehen, die jedoch Privatunternehmen
keine Konkurrenz machen durften – es sei denn, diese wirtschafteten unrentabel.
Im Januar 1941 erfolgte die Verstaatlichung aller Eisenbahngesellschaften, die
zum Verkehrsunternehmen RENFE zusammengefasst wurden.
Bedeutsam war das Gesetz über die Einrichtung des Nationalen Industrie-Institutes INI vom 25. September 1941, das eine staatliche Holding- und Investitionsgesellschaft schuf. Madrid schwebte eine direkte Form des staatlichen Interventionismus durch Gründung und Kauf von Betrieben bzw. Erwerb von Kapitalbeteiligungen und weitreichende Vollmachten bis hin zu Enteignungen und zur Stillegung ganzer Industriezweige vor. Der noch vor Kriegsende erarbeitete Grundplan enthielt Neubauprojekte vor allem in den Grundstoffindustrien und allgemeinen Industrien. Ziel war die Stärkung grundlegender Industrie- und Wirtschaftsbereiche (Stickstofferzeugung, Kunstfaserherstellung und Baumwollanbau, ausdrücklich auch bei unrentablen Projekten. Durch die Initiativen des INI sollten die militärische Verteidigung gestärkt, die wirtschaftliche Autarkie erreicht und die privatkapitalistischen Monopole bekämpft werden. Bezeichnenderweise stand der Staatskonzern unter militärischer Leitung, erst in den 50ern wurde er an die Ministerialbürokratie abgegeben. Zunächst wies das INI einen geringen Anteil an den Investitionen auf, aber ab Ende der 40er war ein rapider Anstieg auf 11,1 % im Jahre 1957 zu verzeichnen, was einer Versiebzehnfachung gleichkam.
Weiterhin zerfiel Spanien in drei
verschiedene Grund-Stücke. Im Landesinneren befand sich die landwirtschaftliche
Zone, gekennzeichnet von extensiver Erzeugung von Produkten mit großem
Weltverbrauch. Die Produktivität war niedrig, man produzierte vorwiegend für den
Binnenmarkt und Agrarbetriebe konnten nur durch protektionistische Maßnahmen
überleben. An den Küsten lag die
Industriezone (Katalonien, Nordspanien, Baskenland), welche infolge von
Kostenstruktur, geringer Betriebsgröße und mangelhafter Produktivität ebenfalls
für den Binnenmarkt produzierte und ebenso auf Protektionismus angewiesen war.
Zuletzt ist noch die ebenfalls am Mittelmeer gelegene Peripherie zu nennen. Sie
konsumierte zu hohen Preisen die Erzeugnisse des Inlandes und exportierte ihre
Erzeugnisse (Gartenfrüchte) auf den Weltmarkt. Durch ihre Exportgewinne
ermöglichte sie den Großteil der Importe und war essentiell für einen
wirtschaftlichen Aufbau aus eigener Kraft. Allerdings waren diese Exporte stark
von den Schwankungen des Weltmarktes abhängig, was sich naturgemäß während des
Krieges verheerend bemerkbar machte. Kapitalakkumulation erfolgte auch durch die
Großgrundbesitzer, die ihre Profite bei den Großbanken anlegten. Zudem sammelten
die Banken Kapital an, da infolge eingefrorener Preise und mangelnder
Konsummöglichkeiten der Arbeitnehmerschaft „Zwangssparen" verordnet wurde.
Bedeutend war ferner der Export kriegswichtiger Legierungsmetalle wie Blei,
Zink, Quecksilber und vor allem Wolfram – Deutschland war zum wichtigsten
Handelspartner geworden und hatte aus militärischen, außenpolitischen und
wirtschaftlichen Gründen ein nicht unerhebliches Interesse an der
innenpolitischen Entwicklung in Spanien, die verschiedene staatliche und
parteiliche Dienststellen zu ihren Gunsten zu beeinflussen versuchten.
Vor diesem Hintergrund traten die Unentwegten in den Reihen der Falange zum letzten Gefecht für die nationalsyndikalistische Neuordnung Spaniens an. Erstmals gewannen in dieser Phase die bislang eher diffusen Vorstellungen von einem nationalsyndikalistischen Staat konkrete Form, und mit dieser Entwicklung ist die Person Gerardo Salvador Merinos untrennbar verbunden. Salvador Merino wurde am 9. September 1939 als delegado nacional zum Chef der falangistischen Syndikate ernannt. Der neue Führer der Falange-Gewerkschaften, ein Altfalangist, schreckte auch vor massiven öffentlichen Drohungen an die Adresse der reaktionären Bourgeoisie nicht zurück. Als ehemaliger Parteigänger Manuel Hedillas verfügte er durchaus über Ansehen in den Reihen des Proletariats. Salvador Merino sah in den Syndikaten ein Instrument, um den Landarbeitern und dem Industrieproletariat ein Mitbestimmungsrecht gegenüber der Finanzoligarchie zu erkämpfen. Er hielt sich mit seinem Planungsstab geschickt aus den innerparteilichen Machtkämpfen heraus und knüpfte wertvolle Kontakte zur in Spanien einflussreichen NSDAP-AO und zu den Falange-Generalen Munoz Grandes und Yagüe. Zunächst wurden die Syndikate jedoch vom Arbeitsministerium abgekoppelt und verloren damit den Großteil ihrer Autorität. Franco konzipierte die „Gewerkschaften“ als tarifliches Kontrollorgan eines Systems, das die Privilegien der Oberschicht nicht anrührte und als Vollzugsorgan für sozialpolitische Maßnahmen. Immerhin erhielten sie das beschlagnahmte Vermögen der linken Arbeiterorganisationen. Ein weiteres Warnungszeichen für die Altfalangisten war der Sturz Sotomayors: Der SEU-Generalsekretär forderte am 1. November 1939 in Madrid die Bildung einer revolutionären Jugendfront zum Kampf gegen Klerikalismus, Bourgeoisie und Reaktion. Fortan standen seine Veröffentlichungen unter Zensur, er selbst wurde aus allen Ämtern entlassen. Vor diesem Hintergrund mutet es geradezu widerwärtig an, dass auf Geheiß Francos am 20. November der Leichnam José Antonios unter großem Pomp von Alicante in den Escorial überführt wurde. Der Caudillo sollte sogar behaupten, der von den Roten ermordete Parteigründer habe ihn testamentarisch zu seinem Nachfolger bestimmt.
Im Dezember 1939 bildeten frustrierte Alte Kämpfer um Oberst Emilio Tarduchy eine illegale Junta Política, die Kontakte zu General Yagüe, dem neuen Luftfahrtminister José Antonio Girón und dem NSDAP-AO-Landesgruppenleiter Hans Thomsen aufnahm. Als informelles Netzwerk der Unzufriedenen entstand die Falange Autónoma, die in den kommenden Jahrzehnten mehrfach wieder aufleben sollte. Anfang 1941 stellte die illegale Junta Política ihre Aktivitäten frustriert ein, wobei der falangistische Untergrund auf regionaler Ebene weiter arbeitete.
Am 4. Januar 1940 führte Franco den nächsten Schlag gegen die SEU, indem er die katholischen und karlistischen Studentenorganisationen in das Studentensyndikat integrierte. Durch diese Verwässerung mit reaktionären Elementen sollte Guitarte der nationalsyndikalistische Zahn gezogen werden. Der Studentenführer setzte seinen Kampf dennoch fort. Er strebte weiterhin nach der totalen Kontrolle der Universitäten und betrieb den Aufbau einer studentischen Miliz. Das SEU-Organ „Haz“ wetterte weiter gegen die in Spanien grassierende Konterrevolution. Immerhin konnte das Syndikat rund 53.000 Studenten erfassen, bis ab 1942 der Niedergang einsetzte und das Regime 1943 zur Pflichtmitgliedschaft greifen musste.
Das Gesetz über die Syndikate vom 26. Januar 1940 definierte diese als Organ der staatlichen Wirtschaftslenkung, wobei das Syndikatssystem weitaus weniger total war als in der falangistischen Konzeption. Sie beschränkten sich auf die wichtigsten Industrien, und Beamte, Freiberufler und Hausbedienstete waren von der Pflichtmitgliedschaft ausgenommen. Über die Syndikate erfolgte die Zentralisierung der Kontrolle einzelner Wirtschaftszweige und Wirtschaftsregionen, zum anderen die organisatorische Zusammenfassung von Unternehmern und Lohnabhängigen. Das neue Ministerium für Organisation und Aktion der Syndikate blieb an Planung und Lenkung des Ministeriums für Handel und Industrie gebunden. Die Gewerkschaften hatten offiziell keine ideologisch-politische Grundlage mehr, blieben aber die Hochburg der Altfalangisten. Salvador Merino wollte die Syndikate zur Kernstruktur eines sowohl Marxismus wie Kapitalismus überwindenden Gesellschaftssystems machen. Dafür mussten nach seinen eigenen Worten „die Forderungen der Werktätigen befriedigt und die Syndikate die mächtigste zivile Institution Spaniens werden". Am 3. Mai 1940 kündigte der delegado nacional mehr oder weniger eigenmächtig an, die Syndikate würden die Zuständigkeit für Preiskontrolle und Wirtschaftsintervention übernehmen. Zudem proklamierte er die Einrichtung eines umfangreichen Sozialwerks zur Gewinnung der Arbeiterschaft. Als Ende Mai in Madrid riesige nationalsyndikalistische Kundgebungen stattfanden, zeigte sich selbst das Militär beunruhigt. Vor allem Kriegsminister Varela war entschlossen, dem Treiben der Parteilinken ein Ende zu machen.
Mitte Juni wurde die „Presse der Bewegung“ als falangistischer Medienkonzern gegründet, der bald rund 60 Zeitungen und Zeitschriften kontrollierte. Zwar war das politische und propagandistische Niveau – von Franco gewollt – niedrig, aber um Ridruejo, Entralgo, Foxá und den eher konservativen Pemán entstanden einflussreiche Intellektuellenzirkel. Zentrum falangistischer Kulturpoilitik wurde die Monatszeitschrift „Escorial“ um Ridruejo und Entralgo. Das Blatt propagierte den Faschismus als die Revolution der Moderne, durch die eine neue Epoche begründen werden sollte.
Die Spannungen zwischen der Partei und dem Staatschef trieben am 28. Juni 1940 einer ersten Eskalation zu. Generalsekretär Yagüe forderte mit einer Reihe altfalangistisch gesonnener Offiziere unumwunden die Entlassung Serrano Suners und die Reorganisation der Falange zu einer schlagkräftigen und ihrem alten Programm verpflichteten Staatspartei. Franco enthob den Meuterer sofort seines Amtes und ließ ihn unter Hausarrest stellen. Generell steigerte sich das Selbstbewusstsein der Radikalen, da die Deutschen gerade Frankreich überrannt hatten und der Nationalsozialismus faktisch Herr über Europa war. Die innenpolitische Lage wurde nicht zuletzt infolge von wirtschaftlichen Problemen verschärft. Da Spaniens Führung aus zahlreichen verschiedenen Fraktionen bestand, zwischen denen Franco lavierte, war eine zielgerichtete Wirtschaftspolitik unmöglich. Hinzu kamen schwere Korruptionsfälle bei in die Nahrungsmittelverteilung verwickelten unteren Parteistellen. Die Militärs lasteten die strukturellen Wirtschaftsprobleme der falangistischen Ideologie an und forderten gar eine Restauration der Monarchie, während die Falangisten mit dem zutreffenden Hinweis auf die divergierenden Interessen in der Wirtschaftspolitik konterten. Serrano Suner wollte Salvador Merino nun ins Kabinett einbinden und als Arbeitsminister bändigen. Der selbstbewusste Arbeiterführer forderte jedoch darüber hinaus den vakanten Posten des Falange-Generalsekretärs und das Innenministerium. Da die Erfüllung dieser Forderungen den Konkurrenten zu einem der mächtigsten Männer Spaniens gemacht hätte, lehnte der selbst nach der Macht strebende Serrano Suner ab. Mit der Übernahme auch des Außenministeriums an 17. Oktober 1940 strebte er dem Höhepunkt seiner Karriere zu – Endziel war der Posten des Ministerpräsidenten.
Ein Gesetz vom 6. Dezember 1940 rief die Jugendfront als diffuse Massenorganisation ohne klare ideologische Ausrichtung ins Leben. Die von José Antonio Elola geleitete Jugendfront erfasste die Kinder aller Parteimitglieder. Als harten Kern organisierten die Falangisten die freiwilligen Falanges Juveniles de Franco, die jedoch nie mehr als 18 % der Jungen und 9 % der Mädchen erfassen konnten. Unterstützend richtete die Frauenorganisation der Bewegung, die Sección Féminina, rund 1200 Jugendzentren ein.
Am gleichen Tag erging das Gesetz über die Grundlagen der Syndikatsorganisation. Alle spanischen Erzeuger galten fortan als Glieder der nationalen und syndikalistischen Gemeinschaft. Die Syndikate finanzierten sich durch von den Unternehmen abzuführende Pflichtbeiträge (2 % des Bruttolohnes). Offiziell war es verboten, dass diese rein unternehmerseitigen Beiträge auf die Preise abgewälzt wurden. In den Betrieben waren fortan die enlaces sindicales als Vertrauensleute zu wählen. Sie fungierten als Interessenvertreter und Sprecher der Arbeitnehmerschaft eines Betriebes, die sie gegenüber dem Unternehmer und dem Syndikat vertraten. Die Falangisten installierten darüber hinaus in den Großbetrieben die Juntas de Jurados als eine Art illegalen Betriebsrat. Sie werden erst per Gesetz vom 18. August 1947 legalisiert und allgemein eingeführt. Die Führungsrolle der Falange in den Syndikaten wurde festgeschrieben. Jedes Syndikat fasste die Produktionselemente der Unternehmer (Wirtschaft) sowie der Techniker und Arbeiter (Soziales) eines Wirtschaftszweiges zusammen. Zentralorgan wurde die Nationale Syndikats-Delegation. Salvador Merino schwebte vor, durch die Aufwertung der Syndikate zum Zentrum des politischen Lebens Partei und Verwaltung zu entmachten und die Nationale Syndikats-Delegation zum „Parlament“ Spaniens zu erheben – womit er sich in äußerster Nähe zum Anarcho-Syndikalismus befand. Als vertikale Einrichtungen sind die 25 Nationalen Syndikate und die National-Syndikalistischen Zentralen der Provinzen zu nennen. Sie waren die Führungsinstrumente und hatten die Anweisungen der Falange-Zentrale durchzusetzen. Die Aufgaben der Provinzialzentralen lauteten: „1. Die soziale Disziplin der Erzeuger auf der Grundlage der Prinzipien von Einheit und Zusammenarbeit herstellen. 2. Ihre Mitglieder gesetzlich zu vertreten. 3. Für die Schlichtung von individuellen Arbeitskonflikten sorgen als obligatorisches Verfahren vor einer Übergabe an das Arbeitsgericht. 4. Für die berufliche Aus- und Weiterbildung und für eine angemessene Verteilung der Arbeitskräfte sorgen. 5. Im jeweiligen Bereich zum Funktionieren der Einrichtungen wie Arbeitsamt, für Zusammenarbeit, Fürsorge, Kredit usw. beitragen oder sie gegebenenfalls einzurichten im Rahmen der von der Provinzialdelegation der Syndikate festgesetzten Normen. 6. Bei der Aufstellung von Statistiken über Arbeits- und Produktionsbedingungen, Marktlage usw. mitarbeiten. 7. Das Funktionieren der örtlichen Syndikate anleiten und überwachen." Für die Nationalen Branchensyndikate galt: „1. Der Regierung Vorschläge machen für die zur Disziplin und Förderung der Produktion, die Erhaltung und Verteilung der Produktion sowie für die Regulierung ihrer Preise nötigen Anweisungen. 2. Der Nationalen Syndikats-Delegation bei der Erarbeitung von Vorschlägen zur Reglementierung der Arbeit beizustehen. 3. Über die unteren Syndikate disziplinarische Gewalt ausüben. 4. Jede Initiative zur besseren Produktionsorganisation fördern und unterstützen. 5. In den jeweiligen Bereichen kooperative Aktivitäten in Produktion und Verteilung fördern, anleiten und gegebenenfalls selbst entwickeln..." Chef des einflussreichen Apparates war der Nationale Syndikatsdelegierte (Salvador Merino), welcher natürlich von Franco ernannt wurde.
Anfang 1941 trieben die Dinge ihrer endgültigen Eskalation zu. Serrano Suner geriet unter den Druck der radikalen Reformer-Kreise, die ihn zu innenpolitischen Konsequenzen und zum Handeln gegen das Erstarken von Wirtschaftskreisen, Armee und Reaktion aufforderten. Zu nennen sind hier vor allem Salvador Merino, Miguel Primo de Rivera als jefe provincial von Madrid, Demetrio Carceller als Minister für Industrie und Handel und Dionisio Ridruejo als Propagandachef. Der Reformerkreis verlangte ultimativ vom vermeintlich starken Mann der Bewegung, Franco die direkte Kontrolle über die Falange zu entreißen, die Partei zu festigen und ihr die Führungsrolle im Staat zu verschaffen – oder auf seine pseudofalangistischen Posen zu verzichten und sich offen als Reaktionär zu bekennen. Franco sollte auf den repräsentativen Posten des Staatspräsidenten abgeschoben werden. Serrano Suner war als Ministerpräsident und Außenminister vorgesehen, sollte aber die Ministerien für Inneres und Erziehung an radikale Falangisten vergeben. Die Ministerien für Landwirtschaft, Handel und Industrie sollten zu einem funktionierenden Wirtschaftsministerium zusammengeschlossen werden. Zudem forderten die Parteirebellen die Säuberung von Verwaltung und Partei von den Günstlingen Serrano Suners. Bei Nichterfüllung drohten sie aktive Sabotage der Regierungs- und Verwaltungsarbeit und passive Schwächung der Partei durch Massenaustritte an. Serrrano Suner stand vor einem Dilemma: Sollte er als Kopf der Reformer Ministerpräsident werden oder das Ziel alleine anstreben?
Das politische Gewicht Salvador Merinos steigerte sich noch weiter, als er auf Betreiben der NSDAP-AO propagandawirksam ins Reich eingeladen wurde. Hier besichtigte er Anfang Mai 1941 Einrichtungen und Organisationsstruktur der Deutschen Arbeitsfront und traf mit Robert Ley und Joseph Goebbels zusammen. Eine Begegnung mit Rudolf Hess entfiel, da dieser sich auf seine nebulöse Friedensmission nach England begab. In Berlin machte Salvador Merino ein Angebot an Goebbels: Ein nationalsyndikalistisches Spanien könnte auf deutscher Seite in den Krieg eintreten. Hierfür war allerdings deutscher Druck auf Franco vonnöten, damit der Militärdiktator den Reformern den Weg freimachen und der Entmachtung Serrano Suners zustimmen würde. Zur gleichen Zeit forderten Miguel und Pilar Primo de Rivera Franco ultimativ auf, die Rolle der Falange zu stärken und eine Belebung der amorphen Partei zu gestatten. Serrano Suner trat die Flucht nach vorn an und attackierte öffentlich in scharfen Worten den politischen Stillstand und den Vormarsch der Reaktion.
Franco sah sich nun zum Handeln genötigt. Am 5. Mai entzog er seinem Schwager Serrano Suner das Innenministerium und ernannte Oberst Valantín Galarza zum Nachfolger. Die Schwächung Suners nahm den Reformern den Wind aus den Segeln und provozierte – wie von Franco beabsichtigt – eine Regierungskrise. Sage und schreibe 10 jefes provinciales traten aus Protest zurück, und „Arriba“, das Organ der Madrider Falangisten, griff den neuen Innenminister heftig an. Die Militärs forderten Genugtuung und gaben Franco den Grund, einige weitere missliebige Mitarbeiter Serrano Suners zu entlassen (der keinerlei Rückendeckung von den Altkadern erhielt). Der Diktator beließ ihm dennoch das Außenministerium, dazu die vom Innenministerium abgetrennte Propaganda- und Presseabteilung, da Franco ihn als Gegengewicht gegen die monarchistischen Generäle benötigte. Zur Besänftigung der Altfalangisten trennte der angeschlagene Suner sich von einer Reihe besonders kritisierter Parteigänger. Umgekehrt ging er zusammen mit Franco gegen den Reformerkreis vor und zerschlug ihn durch eine Reihe von Versetzungen und Entlassungen, womit sich auch der Druck auf Salvador Merino verstärkte.
Bereits am 15. Mai 1941 erfolgte eine weitere Regierungsumbildung. Franco selbst ernannte drei anerkannte Falangisten zu Ministern und brach so das „Vertretungsmonopol“ Serrano Suners. José Antonio Girón erhielt das Arbeitsministerium, Miguel Primo de Rivera das Landwirtschaftsministerium und José Luís Arrese wurde Vizegeneralsekretär und Parteiminister. Dionisio Ridruejo, zweifellos der brillanteste Kopf in den Reihen der Falange, wurde als Propagandachef entlassen, ebenso sein Mitarbeiter Tovar und Sánchez Mazas. Zunächst bestand auch weiterhin eine höchst labile innenpolitische Lage, in der Francos Herrschaft jederzeit durch die Alt- und Neuhemden sowie Monarchisten in Frage gestellt werden konnte. Arrese säuberte nun zusammen mit Suner die Partei von allzu renitenten Elementen. Bizarrerweise handelte es sich bei dem neuen Besen um einen der ehemals radikalsten Altfalangisten. Arrese wurde nach dem Sturz Hedillas 1937 kurzzeitig auf Befehl Francos inhaftiert, später war er der geistige Vater der spanischen Sozialpolitik. Allerdings war auch ihm klar, dass die innenpolitischen Probleme auf Francos Politik des Taktierens und der Kompromisse zurückzuführen waren. Durch die Stärkung Arreses hoffte Franco, Serrano Suner weiter zu isolieren. Darüber hinaus sollte der neue Mann die Partei stärker zusammenfassen und weltanschaulich ausrichten, um einerseits den Hardlinern und andererseits den Monarchisten entgegenzutreten.
Bei Beginn des deutschen Ostfeldzuges meldeten sich zehntausende Falangisten freiwillig. Der Krieg im Osten war in der spanischen Öffentlichkeit überaus populär, bei Kriegsbeginn randalierten falangistische Demonstranten vor der britischen Botschaft in Madrid. Die allgemein als „Blaue Division“ (nach der Farbe der falangistischen Parteihemden) bekannte Divvision zählte 17.909 Freiwillige, die in Deutschland ausgebildet wurden und in Gräfenwöhr ihren Eid auf Adolf Hitler schworen. Als die Division im Oktober 1941 an die Ostfront abging, kämpften in ihren Reihen sieben Angehörige des Consejo Nacional und mehrere Jefes Provinciales. Unter den Freiwilligen der ersten Stunde befanden sich auch Ridruejo und Sotomayor, der im Osten den Soldatentod starb. Das Kommando führte der von den Deutschen hoch dekorierte General Munoz Grandes.
Noch im selben Monat leitete Salvador Merino die Arbeitertagung auf dem 2. Gewerkschaftskongress der Falange, aber das Hauptreferat kam bereits von Arrese. Kurz darauf unterzeichnete dieser eine Verwaltungsänderung, welche die Kompetenzen der Syndikate beschnitt. Am 7. Juli 1941 wurde Salvador Merino als ehemaliger Freimaurer denunziert (die Logenzugehörigkeit war seit 1940 strafbar), verhaftet und auf die Balearen verbannt. Ein Parteiausschlussverfahren unterblieb, da Arrese die Parteilinke nicht noch weiter gegen sich aufbringen wollte. Manuel Valdés übernahm die Leitung der Syndikate und säuberte diesen von radikalen Merino-Leuten. Salvador Merino blieb zunächst formell delegado nacional. Als er im Dezember 1941 aus der Partei ausgeschlossen wurde, meldete er sich freiwillig zur Blauen Division, um wie sein Kamerad Sotomayor an der Ostfront zu fallen. Vergebens warben die Gewerkschaftsfunktionäre um Arrese, welcher sich nun um eine Uminterpretation der Thesen José Antonios bemühte. Hierbei stand er Franco näher als jeder andere Alte Kämpfer der Bewegung. Arrese vertrat eine Art Franco-Falangismus, gleich weit entfernt vom nihilistischen Radikalismus eines Ledesma Ramos wie vom „humanistischen Voluntarismus“ José Antonios.
Salvador Merinos Sturz leitete das Ende
des revolutionären Nationalsyndikalismus ein, es siegte die
autoritär-korporativistische Richtung der katholischen Soziallehre. Der
Parteiideologe Permartín konkretisierte die Aufgaben der Syndikate: „I)
Die kapitalistische Ökonomie in einem produktiven Sinne bewahren und fördern.
II) Aus ihr den Freihandel des Lohnabhängigen und das Recht auf Aussperrung oder
Streik durch die Syndikal-Korporative Organisation verbannen. III) Die
ökonomische Gegebenheit Kapital-Arbeit als einheitliches Ganzes betrachten, in
dem ökonomisch die Arbeit der Führung des Kapitals und beide der Regelung und
Orientierung des Staates unterworfen sind."
Radikalfaschistische Elemente wurden zugunsten einer abendländisch-christlichen
Ideologie modifiziert, die Befreiung Europas vom Kommunismus wird mit der
spanischen Reconquista verglichen. Die Partei wurde noch stärker auf die
Führerfigur Franco ausgerichtet. Ende November 1941 ordnete Arrese eine
Parteisäuberung ein.
Am 28. November 1941 wurden per Verordnung die 12 Nationalämter der
Falange-Führung aufgelöst.
Damit verlor Serrano Suner den organisatorischen Unterbau seines Planes, die
Partei nicht als Unterbau, sondern als horizontale Ergänzung zu den Ministerien
zu strukturieren. Der ehemalige starke Mann des Regimes war nun weitgehend
isoliert, da er bei allen Fraktionen verhasst war und als entbehrlich galt.
Parteiminister Arrese entwickelte sich immer mehr zum Gegengewicht zu Suner als
Chef der Junta Política, es kam zu ständigen Auseinandersetzungen. Nunmehr
bestand die Parteileitung aus vier Vizesekretariaten für Bewegung, Sozialwerk,
Erziehung und Hilfsdienste. Die Falange hatte nur noch über die dem
Außenministerium angegliederte Propagandaabteilung und in beschränktem Maße über
die Syndikate Einflussmöglichkeiten.
Ein weiterer, letzter Weg zur nationalsyndikalistischen Revolution war die populäre Division um Munoz Grandes und ihre Freiwilligen. Serrano Suner legte den Deutschen schon im November 41 nahe, durch Personalaustausch eine Reihe angeblich dringend benötigter Falangisten heimzuschicken. Die altfalangistischen Agitatoren sollen aus der Truppe entfernt und isoliert werden – hier ballte sich unter Munoz Grandes eine gefährliche radikale Gruppe zusammen, zusammengeschweißt durch die erbitterten Kämpfe am Ilmensee. Der Kommandeur erkannte jedoch, dass es Madrid um die Entpolitisierung seiner Truppe ging. Ab Anfang 1942 betrieb die deutsche Botschaft den „Großen Plan, um durch offene und verdeckte Propaganda und Sympathisanten dem wachsenden westlichen Einfluss in Spanien entgegenzutreten. Schon Ende 1941 erfolgte die Gründung der Deutsch-Spanischen Gesellschaft unter dem Alcazar-General Moscardó. Zeitweise stand das Land am Rande eines neutralistischen Militärputsches gegen Franco, da die Generalität das Land unbedingt aus dem Krieg heraushalten wollte.
Am 28. Januar 1942 gab Franco in Barcelona eine viel beachtete Erklärung über seine Einstellung zur Monarchie ab. Der Caudillo sprach sich für eine zukünftige Restauration des Königtums aus - aber erst müsse auf dem spanischen Volk eine Basis aufgebaut werden. „Wir haben nie gesagt, dass wir das Spanien, das uns die Republik bescherte, wiederherstellen werden, oder das Spanien, das die größten Teile unseres Vaterlandes verloren hat." Es handelte sich also um eine klare Absage an die liberale Monarchie. Die Falange war als Grundlage des zivilen Aufbaus vorgesehen, aber das Militär als staatserhaltende und ausschlaggebende Kraft. Der Diktator sprach auch vor den Vertretern der Syndikate: „Spanien ist keine Diktatur. Der Staat beabsichtigt nicht, die individuelle Eigeninitiative einzuschränken." Franco stärkte langsam seine Stellung, Monarchisten und Falangisten überdachten nun ihre nächsten Schritte. Die Althemden bleiben unversöhnlich und riefen zum Widerstand gegen die versöhnlerische Parteiführung auf, aber erste Teile der Partei schwenkten auf den Gedanken einer falangistischen Monarchie ein.
Die Unruhe an der Basis führte im März 1942 zu Zusammenstößen zwischen radikalen SEU-Aktivisten und Monarchisten, wobei es zwei Tote und zahlreiche Verletzte gab. Putschgerüchte gingen um, eine Bombe explodierte im Auto von Arbeitsminister Girón. Die Demonstrationen und Manifeste der Alten Kämpfer rissen nicht ab. Mit Duldung Arreses, aber teilweise außerhalb seiner Kontrolle, formierte sich innerhalb der Einheitspartei FET die Falange Auténtica um Munoz Mateo. Hier fanden sich fast ausnahmslos antimonarchistische und nationalsyndikalistische Altfalangisten zusammen. Unter den Auténticos befanden sich Arbeitsminister Girón, Landwirtschaftsminister Miguel Primo de Rivera, Syndikatsführer Valdés, dazu reaktivierte jefes provinciales, Bürgerkriegskämpfer der falangistischen Miliz, zahlreiche Freiwillige der Blauen Division und nicht zuletzt General Queipo de Llano als Querulant aus Überzeugung. Die parteiinterne Oppposition forderte unter dem Eindruck der deutschen Sommeroffensive im Osten und der Siege in Nordafrika eine stärkere Anlehnung an die Achse und wollte mit deutscher Hilfe die nationalsyndikalistische Revolution nachholen. Rückgrat der Bewegung wurden die heimkehrenden Ostfrontfreiwilligen. General Munoz Grandes hatte sich längst zum Anhänger einer radikalen innen- wie außenpolitischen Kurskorrektur entwickelt. Seine Gruppe definierte die Blaue Division als „Trägerin einer politischen Willensbildung in Spanien".
Im Mai dämmerte Franco, dass sich das Potenzial für einen falangistischen Putsch zusammenbraute. Prompt erhielt Munoz Grandes seine Ablösungsorder. Der Diktator wollte verhindern, dass der populäre Divisionskommandeur noch mehr Anhang und Gewicht gewann. Munoz Grandes sollte nach Einarbeitung seines Nachfolgers Esteban-Infantes Mitte Juni nach Spanien zurückkehren. Im Rahmen eines Besuches bei deutschen Kommandostellen nutzte er die Gelegenheit, um auf die Orientierungslosigkeit der spanischen Politik, die Entschlussschwäche Francos und die innenpolitische Unfähigkeit der heterogenen Regierung hinzuweisen. In Berlin erkannte man die Bedeutung des Generals, und Abwehrchef Canaris persönlich erreichte den Widerruf seiner Abberufung. Franco verleugnete seine Urheberschaft und schob Serrano Suner und Varela den schwarzen Peter zu. Insgeheim trug er jedoch Sorge, dass die heimkehrenden Frontkämpfer nicht in wichtige Positionen aufrückten und schaltete Freunde und Vertraute von Munoz Grandes in den folgenden Monaten zielstrebig aus. Am 12. Juli 1942 kam es in der Wolfsschanze zu einem Geheimtreffen zwischen Hitler und dem spanischen Divisionskommandeur. Beide stimmten in ihrer vernichtenden Kritik an den spanischen Verhältnissen überein, und Munoz Grandes erklärte sich bereit, die Neuordnung Spaniens in eigene Hände zu nehmen. Man kam zu dem Beschluss, die Ergebnisse der geplanten Offensive gegen Leningrad abzuwarten und propagandistisch für die Blaue Division auszunutzen – dann sollte gegen Franco vorgegangen werden. Die Deutschen nahmen in dieser Angelegenheit auch Kontakt mit Yagüe auf, doch dieser war nicht bereit, sich offen gegen Franco zu stellen. Zudem wurde er im November als Kommandierender General des X. Armeekorps nach Nordmarokko abgeschoben.
Das Gesetz über die Schaffung der Cortes als ständischer Vertretung vom 17. Juli 1942 war der Grabstein für die nationalsyndikalistischen Revolutionshoffnungen. Das geplante Parlament (seine Abgeordneten wurden erst im Februar 1943 berufen) sollte das Recht auf Vorbereitung und Ausarbeitung von Gesetzen erhalten, wobei sich der Caudillo weiterhin eine völlig unabhängige Gesetzgebungszuständigkeit bewahrte. Die Cortes waren ein Partizipationsorgan mit beratender Funktion, nicht aber ein Dezisionsorgan. Die Mitglieder der neuen Volksvertretung trugen die Bezeichnung procuradores. Ein Teil wurde ernannt, ein anderer Teil erhielt aufgrund seines Amtes einen Sitz, andere wiederum wurden direkt oder indirekt gewählt auf Grundlage von Familie, Gemeinde und Berufsverband. Franco ernannte 50 procuradores direkt aus den Reihen der Bürgermeister und Gemeinderäte, ebenso den Präsidenten der Cortes und dessen Mitarbeiter. Wählbar waren 50 Bürgermeister und Gemeinderäte als Provinzialvertreter. Unter den von Franco berufenen procuradores befanden sich zahlreiche bekannte Monarchisten. 126 Sitze gingen an die Mitglieder des von Reaktionären und Monarchisten dominierten Consejo Nacional bzw. an andere Spitzenfunktionäre der Staatspartei. Die Repräsentanten der Syndikate erhielten 150 Sitze, von denen 32 auf Amtsinhaber in der Syndikatsorganisation entfielen, also oftmals auf von Franco ernannte Personen. Weitere 10 procuradores waren gewählte Syndikatsfunktionäre, die übrigen 104 wurden indirekt aus den Syndikaten gewählt, und zwar bevorzugt unter Technikern und Arbeitgebern. Insgesamt stellten die Arbeiter- und Angestelltenunionen der Syndikate nur 35 von 424 Vertretern – aber immer noch prozentual mehr als beispielsweise der Bundestag in den 70er Jahren an Gewerkschaftsvertretern aufzuweisen hatte. Die Althemden lehnten die Parlamentarisierung ab, aber das Gros der Monarchisten zeigte sich zufrieden. Durch die Verwendung des jahrhundertealten Begriffes Cortes erfolgte zudem eine Identifikation mit der monarchischen Vergangenheit Spaniens.
Die nach wie vor bestehenden Meinungsverschiedenheiten zwischen Altfalangisten und vor allem den erzreaktionären Karlisten wurden zusehends auf der Strasse ausgetragen. Am 16. August 1942 ehrten die karlistischen Bürgerkriegskämpfer, die Requetés, ihre Gefallenen in der Kirche St. Vincent Mártir. Ein Kommando von Altfalangisten mit dem baskischen SEU-Aktivisten Berástegui als Drahtzieher im Hintergrund griff nach traditioneller nationalsyndikalistischer Manier zur direkten Aktion und attackierte die Zeremonie mit Handgranaten, wobei es erstaunlicherweise nur 3 Tote und eine Reihe von Verletzten gab. Militärs und Karlisten waren aufgebracht, Varela sah den Vorfall als einen Angriff der Falange auf das Militär. Der Kriegsminister und Galarza forderten die Generalkapitäne, also die Leiter der Militärbehörden in den Provinzen, per Zirkular zu einer Stellungnahme und zu Sympathiebekundungen auf und übergingen dabei den im Urlaub befindlichen Franco.
Ergebnis war eine erneute Regierungskrise. Franco und Serrano Suner kehrten aus dem Urlaub zurück. Der Caudillo versuchte zunächst zu vermitteln. Varela und Galarza verlangten die Amtsenthebung Serrano Suners, den sie irrtümlich als politisch Verantwortlichen ansahen und stellten demonstrativ ihre Posten als Kriegs- und Innenminister zur Verfügung. Arrese wusch seine Hände in Unschuld und plädierte für eine Regierungsumbildung bei gleichzeitiger Entlassung der Hauptkonkurrenten Varela und Serrano Suner sowie für eine milde Bestrafung der Attentäter. Franco vertagte zunächst die Entscheidung. Demonstrativ wurde der Hauptattentäter Domínguez hingerichtet, seine beiden Kameraden kamen in den Genuss einer Begnadigung. Am 3. September 1942 erfolgte eine überraschende Regierungsumbildung durch Franco. General Asensio löste Varela als Kriegsminister ab, während Serrano Suner des Außenministerium an den treuen Franco-Gefolgsmann Graf Jordana abgeben musste. Auch Galarza wurde wegen angeblicher Verletzung seiner Aufsichtspflicht gefeuert und durch den Rechtsfalangisten Blas Pérez ersetzt. Falange-Vizegeneralsekretär Luna wurde als Mitwisser am Terrorakt abgelöst. Franco ernannte sich selbst zum Präsidenten der Junta Política, womit Serrano Suner alle politischen Ämter verloren hatte und aus der politischen Szenerie Spaniens verschwand. Das neue Kabinett war weitaus homogener als die bisherigen und ein gehorsames Instrument des Caudillo ohne eigenwillige Persönlichkeiten. Franco hatte nun die spanische Innen- und Außenpolitik fest in seiner Hand. Von einer einflussreichen altfalangistischen Opposition kann keine Rede mehr sein. Arrese säuberte 1941 die Partei, nun wurde auch der letzte Einfluss in der Verwaltung gebrochen. Franco ließ fortan keinerlei Experimentierfelder für den revolutionären Falangismus mehr zu, die sozialrevolutionären Kader verloren damit ihre Basis und ihre politischen Arbeitsmöglichkeiten.
Ein Gesetz vom 16. Oktober 1942 schwächte die Syndikate weiter. Vorschläge zur Reglementierung der Arbeit kamen nun nicht mehr von den Syndikaten alleine, sondern vom Arbeitsministerium oder auf Empfehlung jedes anderen Ministeriums. So war es nicht weiter verwunderlich, dass die Bewegung ihren letzten Elan verlor. Nahm die Mitgliederzahl bisher jährlich deutlich zu, so trat jetzt erstmals eine rückläufige Tendenz ein, die letztlich zur Stagnation führte. Im November berief Franco einen neuen Consejo Nacional und eine neue Junta Política, in der Nationalsyndikalisten keine Rolle mehr spielten. Mitte Dezember beging Munoz Grandes den Fehler, eine Spanienreise anzutreten. Anfangs wurde der Kommandeur der división azul mit allen Ehren und unter öffentlicher Begeisterung in Madrid empfangen. Als Falangisten vor der britischen Botschaft die Besetzung Gibraltars forderten, wurden sie von der spanischen Polizei auseinander getrieben. Als Munoz Grandes in mehreren Unterredungen im deutschen Sinne auf Franco einzuwirken versuchte, stellte dieser seinen Widersacher kurzerhand zur Verfügung des Kriegsministeriums ab – der ordensgeschmückte Ostfrontkämpfer landete in der Führerreserve. Im Oktober beorderte Franco „250. Infanterie-Division (spanische) der Wehrmacht“ von der Ostfront zurück. Zum Ende hin dienten insgesamt 47.000 Mann in ihr, 4500 fielen, 17.000 gerieten in Gefangenschaft, wurden verwundet oder sind vermisst. Die Blaue Legion mit knapp 2000 Mann verweigerte die Heimkehr und verblieb im Osten. Am 20. Oktober 1943 wurde sie offiziell aufgelöst. Zahlreiche Freiwillige blieben jedoch zurück und bildeten zunächst eine "Spanische Legion", aus der später zwei Freiwilligen-Kompanien (101 und 102) der Waffen-SS hervorgingen. Beide Kompanien kämpften im Frühjahr 1945 bei der Verteidigung von Berlin gegen die Rote Armee. Zu den europäischen Freiwilligen, die im April 1945 die Reichskanzlei gegen die Sowjets verteidigten, gehörten auch zahlreiche Falangisten. Ab Herbst 1943 kämpften zudem Hunderte falangistischer Freiwilliger für die faschistische „Italienische Sozialrepublik (Repubblica Sociale Italiana, RSI).
Im Verlauf des Jahres 1943 ging nicht nur die spanische Regierung, sondern auch die Parteiführung um Arrese deutlich auf Distanz zur Achse und bemühte sich um eine „postfaschistische“ Ausrichtung. Am Tag des italienischen Waffenstillstandes (8. September 1943) verkündete Arrese: „So seht Ihr, Kameraden, wie wenig man die Falange kennt, wenn man sagt, dass sie eine Art Ableger ausländischer Regime sei und wie sehr sich die irren, welche unseren Staat totalitär nennen, um ihm die Originalität abzusprechen. Der Totalitarismus, der übrigens andererseits auch nicht etwa eine faschistische Formel, sondern eine allgemeine Formel darstellt, die man auch in vielen anderen Ländern, darunter in Russland, findet, bedeutet die Unterwerfung des Menschen unter die höheren Zwecke des Staates. Der Falangismus ist die Unterwerfung des Staates unter den höheren Zweck des Menschen." Angesichts der politischen Dominanz von Kapital, Großbourgeoisie, Klerus, Monarchisten und Großgrundbesitzern eine armselige Verbrämung der allen ursprünglichen falangistischen Zielen hohnsprechenden Verhältnisse in Franco-Spanien. Aus Arrese, einst einer der militantesten Alten Kämpfer, wurde so eine Stütze des Systems. José Antonios Alptraum wurde wahr: Die Falange Espanola degenerierte zur Hilfs- und Schocktruppe einer reaktionären Militärdiktatur.
Zur Ohnmacht verurteilt (1943-1977)
Entfaschisierung
Mit dem sich abzeichnenden Zusammenbruch Deutschlands setzte sich auch Franco-Spanien immer weiter von der Achse ab. Zunächst betonte Franco Spaniens strikte Neutralität. Zur Rechtfertigung seines Schaukelkurses entwickelte der Caudillo die Theorie der Drei Kriege: In Asien kämpften Japan und die Alliierten, wobei der Spanien hier im christlich-europäischen Lager stand. In Westeuropa war Spanien im Kampf zwischen der Achse und den Westalliierten neutral. Als antibolschewistische Nation konnte es sich hingegen reinen Gewissens im Kreuzzug gegen den Kommunismus in Osteuropa an deutscher Seite engagieren. Mit diesem Engagement hatte es allerdings kurz vor der Invasion in der Normandie ein Ende. Spanien zog seine Freiwilligen ab, stellte die Rohstofflieferungen an die Deutschen ein und nutzte die Gelegenheit, nicht einmal seine Verbindlichkeiten aus dem Bürgerkrieg zu begleichen. Die Zeichen standen eindeutig auf eine „Entfaschisierung“ des Franco-Regimes.
Ein letzter Erfolg der Falange war das Hochschulgesetz vom 19. Juli 1943. Dieses verpflichtete die Universitäten, den Unterricht und die Erziehungsziele anhand des Parteiprogramms auszurichten. Alle Studenten und Hochschulfunktionäre mussten der Studentensyndikat SEU angehören, dessen Amtsträger nun freilich ernannt und nicht mehr wie bisher gewählt wurden. Auch als ab Herbst 1944 mit voller Duldung der Alliierten kommunistische Partisanen über die Pyrenäen einsickerten, beteiligten sich falangistische Freiwillige am Abwehrkampf. Am „Tag des Sieges“ zur Erinnerung an die Niederwerfung der Republik marschierten am 1. April 1945 letztmalig Parteiaktivisten Seite an Seite mit dem Militär.
Im Mai 1945 berief Franco beruft die junta política ein und kündigte eine Entfaschisierung der Staatspartei an. Der diskreditierte Faschismus sollte durch einen katholischen Korporativismus ersetzt werden, um das Regime über Wasser zu halten. Rechtsstaatlichkeit und Bürgerrechte waren, wenn auch nur in Maßen, vorgesehen. Der Diktator wollte so katholisches Politpersonal gewinnen und sich vor allem die Unterstützung des Vatikans sichern. Allerdings sollte das Monopol der FET als einziger politischer Partei bestehen bleiben. Die Partei wurde ab jetzt allgemein das Movimiento Nacional genannt. Serrano Suner brachte sich vergebens mit dem Vorschlag einer politischen Integration aller nicht-linken Spanier ein. Generalsekretär José Luis Arrese wurde beauftragt, das Fuero des los Espanoles als „Grundgesetz“ zu erarbeiten, verlor diesen Auftrag aber bald an den ultrakatholischen Professor Castiella.
Am 17. Juli 1945 erhielt Franco-Spanien mit dem gegen den erbitterten Widerstand Arreses verabschiedeten Fuero de los Espanoles eine Art Verfassung. Die Sicherheit des Bürgers vor Behördenwillkür wurde zumindest auf dem Papier garantiert. Die Ausübung anerkannter Bürgerrechte durfte jedoch nicht im Widerstreit zur geistigen, nationalen und sozialen Einheit des Landes stehen. Franco kündigte für die Zukunft die Wiederherstellung der Monarchie in Spanien an. Spanien erhielt eine neue städtische Wahlordnung. In den Bezirken konnte der Wähler fortan zwischen zwei Kandidaten entscheiden, die beide von der Regierung bestimmt wurden. Ein Drittel der Abgeordneten in den Stadtversammlungen wurde von den Familienoberhäuptern, ein weiteres Drittel von den Syndikaten gewählt. Die bereits gewählten Abgeordneten wählten das verbliebene Drittel. Alle wichtigen Amtsträger wurden von oben ernannt. Von der einstmals angestrebten beherrschenden Rolle der Syndikate in Politik und Wirtschaftsleben war man meilenweit entfernt.
Wenige Tage später bildete Franco fast die gesamte Regierung um. Um den Westen zu beruhigen, wurde Generalsekretär Arrese abgelöst; sein Posten blieb vorerst vakant. Auch der falangistische Kriegsminister General Asensio verschwand von der Bildfläche. Der Falangist José Antonio Girón blieb Arbeitsminister. Als solcher war er auch zuständig für die Sozialpolitik und konnte auf diesem Gebiet die Syndikate in den Hintergrund drängen (sie verloren selbst die Arbeitsaufsicht). Verantwortlich für diesen Machtverlust der Sindicatos war der Spitzenfunktionär Fermín Sanz Orrio, der uns noch mehrfach begegnen wird. Festzuhalten bleibt, dass sich Parteimann Girón, ein Altfalangist, für Arbeitnehmerrechte einsetzte und durchaus Verbesserungen erreichte. Selbst der friedfertige Sanz Orrio beklagte sich mehrfach öffentlich über die einseitige Bevorzugung der Unternehmer im spanischen Syndikatssystem. Die Syndikate verloren bald auch ihre begrenzten Zuständigkeiten für die Verteilung von Importen und Rohstoffen sowie für die Arbeitsbedingungen. Bezeichnenderweise etablierte das peronistische Argentinien weitaus mächtigere Syndikate als Franco-Spanien. Mit Raimundo Fernández Cuesta wurde ein Altfalangist Justizminister, und das Landwirtschaftsministerium übernahm der Arrese-Anhänger Carlos Rein Segura. Bereits 1944 wurde der Neofalangist Demetrio Carceller als Handels- und Industrieminister entlassen. Vizegeneralsekretär Rodrigo Vivar Téllez führte Geschäfte des Generalsekretärs - ein farbloser Apparatschik, der sich selbst für überfordert hielt. Vivar Téllez wurde 1944 Nachfolger von Mora Figueroa, der wegen Kritik an der exzessiven Repression entlassen wurde. Franco brauchte die Partei nur noch als Zustimmungsbeschaffer und gegebenenfalls als Sündenbock für den Volkszorn. Ende Juli 1945 wurde die Propaganda der Parteikontrolle entzogen und dem katholisch geführten Volksbildungsministerium unterstellt.
Am 29. August 1945 unternahm José María de Olazábal, stellvertretender Chef der Syndikate, einen Anlauf zur Rettung der nationalsyndikalistischen Idee. Spanien sollte durch ein liberalisiertes Syndikatssystem demokratisiert werden. Hierbei hätten die Korporationen durch eine Art Mehrgewerkschaftssystem die Parteien abgelöst. Der Vorschlag ging Franco zu weit und wurde abgelehnt. Am 11. September schaffte Franco den Faschistengruß ab und kürzte das Budget der Staatspartei radikal um 75 % zusammen. Maximal wandte das Regime für die Bewegung 0,5 % des Haushalts auf, in manchen Jahren gar nur 25 %. Die Frustration in falangistischen Kreisen nahm ein solches Ausmaß an, dass im Sommer 1945 Luis González Vicén, Führer der Eliteformation Guardias de Franco und Altkader, mit José Leiva, dem Untergrundführer der anarchistischen CNT über eine Zusammenarbeit zur Erkämpfung des nationalsyndikalistischen Staates verhandelte. Zugleich bildete sich der Círculo Nosotros um den SEU-Chef Carlos María Rodríguez de Valcárel. Unter der Parole „Niemals kapitulieren!“ legte man ein klares Bekenntnis zum Faschismus und Nationalsozialismus ab. Die Gruppe schlief 1946 wieder ein. Valcarcél wurde entlassen und durch José María del Moral ersetzt, der die Entpolitisierung der Studentenorganisation einleitete. Daneben bestand als Untergrundzirkel die Alianza Sindicalista um Narciso Perales und Patricio González de Canales. Sie konspirierte ebenfalls mit den Anarchisten. An der bis in die 50er Jahre hinein aktiven Organisation beteiligte sich auch phasenweise der in Ungnade gefallene Dionisio Ridruejo.
Dennoch schloss die UNO am 11. Dezember 1946 Spanien von der Mitarbeit in allen ihren Organisationen aus und forderte ihre Mitglieder auf, die diplomatischen Beziehungen zu Madrid abzubrechen. Das Land wurde politisch und wirtschaftlich boykottiert, auch die Teilnahme am Marshall-Plan war somit versperrt. Die meisten Spanier sahen sich als eine Nation von Barbaren diskriminiert, und es kam zu echten und spontanen Unterstützungsdemos für Franco. Einer der wenigen Lichtblicke war der Besuch Evita Peróns, die im Juni 1947 mit den Ehren eines Staatsoberhauptes empfangen wurde.
Im Januar 1947 führte Spanien die Jurados de Empresa ein. In allen Betrieben mit mehr als 500 Arbeitnehmern wurden diese Ausschüsse mit Einspruchs-, Beratungs- und Schlichtungsfunktion eingerichtet. Im November 1953 (vorher tat sich nichts!) mussten auch alle Betriebe mit mehr als 50 Beschäftigten Jurados einrichten. Unter Vorsitz des Unternehmensleiters oder -eigentümers bestanden sie auf 4-12 von der Belegschaft gewählten Vertrauensleuten. Sie mussten mindestens einmal monatlich zusammentreten und hatten das Recht, über den Stand des Unternehmens und Zukunftspläne Information einzufordern. Die falangistischen Syndikate kontrollierten zwar die Arbeitnehmerschaft, hatten aber kaum ihre aktive Unterstützung. Oftmals galten die Vertrauensleute als korrupte Unternehmervertreter, die sich einen faulen Lenz machten. Die Reaktion der radikalen Fraktion bestand in erneuten Verhandlungen mit der CNT.
Am 4. Juli 1947 trat das Gesetz über die Wiedereinführung der Monarchie nach Francos Tod in Kraft. Der eigentliche Thronfolger, der Graf von Barcelona, wurde übergangen. Stattdessen wählte der Caudillo den minderjährigen Don Juan Carlos aus. Der Junge wurde sorgsam auf seine Aufgaben vorbereitet, machte sich jedoch schon frühzeitig seine eigenen Gedanken zur Diktatur und entwickelte sich zu einem Befürworter einer parlamentarischen Monarchie. Damit wurden auch die antimonarchistischen Hoffnungen der Hardliner enttäuscht – mehrfach hatten Parteiideologen die Monarchie zum Relikt der Vergangenheit erklärt.
Wiederbelebung in den 50er Jahren
Im November 1948 wurde Raimundo Fernández Cuesta wieder zum Generalsekretär ernannt (und behielt das Justizministerium in Personalunion). Franco wollte durch eine Reaktivierung der Partei die Monarchisten in ihre Schranken weisen, da Thronprätendent Don Juan die Monarchie nicht als Fortsetzung der Diktatur verstand und Einheitspartei und 26-Punkte-Programm eindeutig ablehnte. Der neue Mann feierte seinen Einstand, indem er die Partei einigen Wortführern des linken Flügels säuberte. Das Movimiento war vorerst als Massenbasis des Regimes unverzichtbar. Es war geistig verantwortlich für die Sozialpolitik, für große Teile der Jugenderziehung, für die Propaganda und für die Syndikate und inkorporierte so einen Teil des „linken“ politischen Spektrums. Als Geste des Staatschefs wurden die Familien Primo de Rivera und Redondo Ortega in den Herzogs- bzw. Grafenstand erhoben. Ramiro Ledesma Ramos wurde geflissentlich übersehen.
Der 2. Nationale Kongress der jefes provinciales am 10. Juli 1949 ging beachtlich hart mit dem Regime ins Gericht. Preiskontrolle, Rationierungen, rigide Medienzensur, Ämterhäufung und die politische Apathie des Generalsekretärs wurden angeprangert. Cuesta verspielte innerhalb kurzer Zeit jegliches Ansehen im Movimiento. Die Spannungen mit dem sich auf Militär und Katholizismus stützenden Regime verschärften sich: 1950 wurde die von kritischen Falangisten herausgegebene Zeitschrift „Si“ wegen Unterstützung eines Bankstreiks verboten, 1952 das parteieigene Satireblatt „La Codorniz“. Immerhin entsandte die Partei im Mai 1951 Vertreter zum Europäischen Nationalistenkongress in Malmö, auf dem sie zusammen mit dem MSI, deutschen und britischen Faschisten (Mosley) die so genannte Malmö-Internationale bildete. Man forderte ein unabhängiges Großeuropa und einen dritten Weg jenseits von Kapitalismus und Kommunismus.
Mit dem anlaufenden Kalten Krieg und vor allem dem Korea-Schock wurde Franco am 5. November 1950 rehabilitiert und zu einem wichtigen Partner des Westens. Mit dem Ende der Isolation konnte das Regime eine auf Technologieimport, Investitionen und Kredite gestützte Modernisierungspolitik einleiten. Zu den wesentlichen Maßnahmen der francistischen Entwicklungsdiktatur – man denke an das Vorbild der Diktatur in den 20er Jahren – zählten die Verstaatlichung strategischer Wirtschaftssektoren wie Eisenbahn oder Telekommunikation und massive Staatsintervention: Ein staatsdirigierter Neokapitalismus anstelle einer auf die Macht der Gewerkschaften gestützten nationalsyndikalistischen Ordnung. In für die Wirtschaftsentwicklung wichtigen Bereichen wurden Staatsbetriebe gegründet, ferner erfolgte die Zusammenfassung staatlicher und privater Betriebe unter Dachgesellschaften (Automobilindustrie, Werften, Leicht- und Schwerindustrie, Energiewirtschaft etc.). Der Staat legte ausgedehnte Programme zur Schaffung einer wirtschaftlichen Infrastruktur (Verkehr, Straßen, Energie), zur Bewässerung und zur Behebung der Kriegsschäden (Wohnungsbau) auf. Die Industrialisierung wurde durch die einseitige Bevorteilung der Arbeitgeberseite begünstigt, es winkten hohe Profite und es gab keinerlei Behinderung durch aufmüpfige Arbeitnehmer oder Proteste gegen die soziale Ungerechtigkeit. Auf diese Aufbauphase folgten ab Mitte der 60er Jahre die Nationalen Entwicklungspläne, die das Land innerhalb von 15 Jahren vom Niveau eines Drittweltstaates unter die bedeutendsten Industrienationen der Welt führten. Der Aufschwung basierte auch auf Auslandsinvestitionen, die massiv durch den Staat gefördert werden. Auf den beeindruckenden Resultaten dieser technokratischen Entwicklungsdiktatur und aus dem Trauma des Bürgerkrieges fußte lange Zeit die Stabilität des autoritären Systems, das erst mit dem Einsetzen der Rezession in den 70ern in seine finale Krise geriet. Unterminiert wurde es freilich schon vorher durch Demokratisierungsforderungen, durch Studenten- und Arbeiterproteste, durch die politische Lähmung der Staatspartei und vor allem durch den Konflikt im Baskenland.
Die Regierungsumbildung vom 19. Juli 1951 stärkte die Stellung der Falange: Girón behielt das Arbeitsministerium, Generalsekretär Fernández Cuesta wurde in den Ministerrang erhoben. Der Neofalangist Rafael Cavestany übernahm das Landwirtschaftsministerium, der dem Movimiento wenigstens nahe stehende Arias Salgado erhielt das neue Informations- und Tourismusministerium, Munoz Grandes kam als Heeresminister zu neuen Ehren. Das Movimiento und Gliederungen hatten nominell 900.000 Mitglieder - die meisten waren allerdings Karteileichen. Erziehungsminister Joaquín Ruiz Giménez war ebenfalls Parteimitglied, strebte aber eine Synthese aus katholischem Progressivismus und gemäßigtem Falangismus an. Hierbei hatte er einen gewissem Rückhalt in der erneuerungsbedürftigen Bewegung und das vor allem bei den verbliebenen faschistischen Intellektuellen und der studentischen SEU. Kritik kam hingegen von Rechtskatholiken und der Parteirechten. Die angepeilte Kreation eines militanten intellektuellen Katholizismus mit Anleihen bei den progressiven Programmpunkten der Falange wurde bis 1954 von dieser Allianz abgewürgt. Der Wirtschaftsboom, die Modernisierung, der Ausbau des Bildungswesens sowie die zunehmenden internationalen Kontakte ließen jedoch vermehrt ausländische Einflüsse ins Land kommen.
Im November 1951 schlug das Generalsekretariat eine Reorganisation und Repolitisierung der SEU vor. Das Studentensyndikat sollte die Studentenschaft zum akademisch gebildeten harten Kern der Bewegung erziehen, man griff auf den inhaltsschweren Begriff „Primera Línea“ zurück, also auf die militante und aktivistische Tradition der Ur-Falange. Zugleich versuchte die Parteiführung, auch die anderen Jugendorganisationen zu reaktivieren. Diese Verjüngung und Reaktivierung barg das Risiko eines neuen Radikalismus in sich, und diese Befürchtung der reaktionären Kräfte sollte sich bald bewahrheiten. Zwischen 1953 und 1954 zerschlug die Polizei eine Reihe revolutionär-falangistischer Untergrundzirkel, und an den Universitäten regten sich oppositionelle Kräfte, was den Radikalisierungsdruck auf die SEU weiter erhöhte.
Der einzige Nationalkongress in der Geschichte der Einheitspartei fand im Oktober 1953 statt. Die Delegierten segneten die Defaschisierung und die Politik des Regimes ab. Unter heftigen Auseinandersetzungen zwischen Radikalen und „Modernisierern“ verabschiedete der Parteitag ein 23-Punkte-Aktionsprogramm, welches nicht weniger als die vollständige Syndikalisierung der spanischen Wirtschaft unter Hinweis auf das Gesetz von 1940 forderte. Konkrete Initiativen unterblieben jedoch, und selbst Girón zeigte sich deprimiert angesichts des Zustandes der Partei, der die Unzufriedenen immer weiter radikalisierte.
Versuch einer Staatsreform
Am 27. Januar 1954 demonstrierten die SEU-Aktivisten vor der britischen Botschaft in Madrid und forderten die Rückgabe Gibraltars. Zwar kamen derartige Kundgebungen recht häufig vor, aber aus ungeklärten Gründen erfolgte dieses Mal ein brutaler Polizeieinsatz, der heftige Straßenschlachten auslöste. Das Regime galt fortan selbst falangistischen Studenten als verräterisch, die Universitäten entwickelten sich zu einer Hochburg der Opposition. Im Jahresverlauf kam es zu weiteren SEU-Krawallen gegen das System und gegen die Reaktion. Die Vertrauensleutewahlen in den Betrieben im Februar 1954 zeigten ein Erstarken „krypto-linker“ Kandidaten. Im November 1954 traten monarchistische Kandidaten bei den Madrider Stadtratswahlen an, was zu massiven Gewalttaten radikaler Jungfalangisten führte. Allgemein löste das politische Erstarken der Monarchisten Besorgnis in der Bewegung aus, die sich von Reaktionären wie Linksradikalen bedrängt sah. Auf Druck der Basis wurde Fernández Cuesta bei Franco vorstellig, welcher versicherte, auch unter einem König werde das Regime auf den Idealen des Movimiento basieren. In revolutionär-falangistischen Kreisen hoffte man gar auf eine nationalsyndikalistische Monarchie. Dennoch warnte die Junta Política Franco nachdrücklich vor jeden Zugeständnissen an Monarchisten oder katholische Reformisten, die ohnehin bereits Kultur, Bildung und Wirtschaftspolitik beherrschten. Vor allem im akademisch-intellektuellen Bereich fungierten die Katholiken als Bahnbrecher für deutlichere Systemkritik.
Als Spaniens Universitäten am 9. Februar 1955 den Tag des gefallenen Studenten (Matías Montero) begingen, kam es in Madrid zum Eklat. Als Fernández Cuesta die Zeremonie eröffnen wollte, zog die primera línea der SEU unter Radauszenen aus und beschimpfte den Parteichef als Verräter am Nationalsyndikalismus. Als der Rädelsführer, Fernando Elena, aus der SEU ausgeschlossen und der Uni verwiesen wurde, bestand die Antwort in einem Hochschulstreik. Neben Kommunisten und Sozialisten hatten sich hier gleich drei revolutionär-falangistische Untergrundzirkel gebildet. SEU-Chef Jorge Jordana reichte seinen Rücktritt ein.
Im Jahresverlauf gab es weitere vor allem antimonarchistische Ausschreitungen. Die Unruhe erfasste auch einen aktivistischen Sektor der Partei. Allgemein wurde gegen die „bürgerliche und kapitalistische Monarchie“ gewettert. Schließlich preschte die politische Führung der Madrider Falange im Herbst 1955 mit einem Manifest voran: Die Falangisten wurden aufgerufen, die Syndikate zu erobern und zu radikalisieren. Ferner verlangten die Nationalsyndikalisten eine rücksichtslose Säuberung der Partei von Reaktionären, Opportunisten und Monarchisten, die Verstaatlichung der Banken und das passive Wahlecht nur für „echte“ Falangisten. Immer öfter tauchte der auf die erkleckliche Liste von Geistesgestörten und Debilen im Hause der spanischen Bourbonen anspielende Slogan „Wir wollen keine schwachsinnigen Könige“ an den Häuserwänden auf. Die Agitation richtete sich gegen den Kapitalismus und die Monarchie und forderte die Errichtung eines syndikalistischen Staates. Am 19. November randalierten Aktivisten der Falangejugend vor dem Escorial herum und machten sich öffentlich über Franco lustig. Auch bei den Gedächtnisfeierlichkeiten am Folgetag kam es – in Francos Gegenwart - zu Radauszenen junger Aktivisten. Der Diktator entließ José Antonio Elola, seit 1940 Chef der Parteijugend, sowie den unbequemen Vicén. Neuer Chef der Jugendorganisation wurde Jesús López Cancio Fernández, welcher nunmehr hier die Entfaschisierung und Entpolitisierung einleitete.
Im Februar 1956 kochten die Spannungen über, als es an der Madrider Uni zu schweren Zusammenstößen zwischen linken Studenten und SEU-Aktivisten sowie der Polizei kam. Hierbei wurde ein Falangist versehentlich von einem seiner Kameraden erschossen. Das Regime antwortete mit einer Repressionswelle, und die alarmierte Parteipresse machte auf die wachsende Opposition im Land aufmerksam. Die SEU und die Guardias de Franco bereiteten bereits Todeslisten vor, um mit der Opposition abzurechnen. Nur die Drohung der Armee, Recht und Ordnung gegen alle Unruhestifter zu schützen, verhinderte schlimmeres. Franco ließ die Universität vorübergehend schließen. Der Staatschef konnte die politischen Spannungen nicht mehr ignorieren. Ihm war auch bewusst, dass sich in der Bewegung selbst allerhand zusammenbraute.
Das Ergebnis war eine neue Kabinettsumbildung am 16. Februar 1956. Der altbewährte Arrese löste Fernández Cuesta als Parteiminister und Generalsekretär ab. Bildungsminister Ruíz Giménez wurde durch den Altfalangisten Jesús Rubio García Mina ersetzt, seine Anhänger mussten orthodoxeren Parteileuten weichen. Arrese war nicht eindeutig die erste Wahl, im Gespräch war auch Girón. Dieser verwies jedoch auf seine Kompromittierung durch die Bekämpfung der Syndikate und darauf, dass er nie eine Rolle im Movimiento spielte. Auf Bitte Arreses übernahm er allerdings das Vizesekretariat der Partei für Soziale Fragen. Giróns Wunschkandidat Ismael Herraiz, Chefredakteur des Parteiorgans „Arriba“, wurde jedoch nicht zum Propagandabeauftragten ernannt. Auch jetzt konnten sich die falangistischen Veteranen nicht auf eine einheitliche Haltung einigen. Arrese war klar, dass die Partei nicht durch administrative Maßnahmen reanimiert werden konnte. Er lehnte die gesamte Politik nach dem 2. Weltkrieg mit ihrem Reformismus und ihrem Monarchismus ab. Ganz richtig hielt er seine Ernennung für eine der letzten Möglichkeiten, die Bewegung zu einem stärkeren Machtfaktor im Regime zu machen. Zu seiner eigenen Überraschung erreichte Arrese Francos Zustimmung zur Berufung einer Art Programmkommission. Der Caudillo befürchtete ein Erstarken der Kommunisten und war daher ebenfalls an einer Erneuerung der Partei interessiert.
Arreses Programmkommission nahm im Mai die Arbeit auf. Ziel war die Erarbeitung von Reformvorschlägen, die als Grundgesetze in das francistische System eingebaut werden sollten. Das einzige radikale Mitglied war jedoch Luis González Vicén, zu erwähnen sind ferner noch Fernández Cuesta und Sánchez Mazas, einer der Mitbegründer der Urfalange. Ein erkennbarer Ruck ging durch die Partei, erstmals seit 1939 stiegen die Mitgliederzahlen wieder an. Im Juni schlug Vicén vor, den Consejo Nacional der Falange zu einer übergeordneten verfassungsgebenden Behörde auszubauen. Als Ausgleich war die vermehrte Direktwahl der Cortesabgeordneten angedacht. Als der Vorschlag nach hitzigen Debatten scheiterte, trat Vicén aus der Programmkommission aus.
Arrese stellte seine Reformpläne am 29. September 1956 in Salamanca vor. Der Generalsekretär strebte die Erarbeitung eines unabänderlichen und einigenden Grundsatzprogramms an, um den Zusammenhalt der Partei zu sichern. Ferner waren verbindliche Regelungen und Organisationsformen vorgesehen, da der improvisierende Caudillismo nicht über Francos Tod hinaus fortbestehen konnte. Eine Reihe von Grundgesetzen sollte das neue Staatsrecht schaffen und Spanien auf den Übergang zur Monarchie vorbereiten. Der König sollte herrschen, aber nicht regieren. Zu seinen Kompetenzen gehörte die Ernennung des Regierungschef (presidente del gobierno), der wiederum die Minister berief. Bei der Ernennung des auf 5 Jahre amtierenden presidente hatte der König den Präsidenten der Cortes und den Generalsekretär zu konsultieren. Der Regierungschef konnte nicht nur vom König, sondern auch vom Nationalrat der Bewegung abgesetzt werden. Dem Nationalrat musste er jederzeit Rede und Antwort stehen. Nach Francos Tod sollte der Generalsekretär automatisch stellvertretendes Staatsoberhaupt werden. Zudem war für ihn ein Vetorecht im Kabinett vorgesehen, und dieses Veto löste automatisch eine Vertrauensabstimmung des Nationalrates aus. Der Generalsekretär wurde durch den Nationalrat gewählt, die Wahl bedurfte der Bestätigung durch den König. War er bestätigt, so konnte eine Absetzung nur noch durch den Nationalrat erfolgen. Die Kabinettsminister waren einzeln den Cortes verantwortlich, die gegebenenfalls sogar den Regierungschef überstimmen konnten. Widersprach der Ministerpräsident einem Misstrauensvotum, war der Nationalrat zuständig, der faktisch zum Senat werden würde. Der Nationalrat konnte durch Vertrauensaussprache jedes Misstrauensvotum der Cortes aufheben. Waren die Cortes für die allgemeine Gesetzgebung zuständig, so oblagen dem Nationalrat die politische Fragen. Ferner hatte er als oberste Verfassungsbehörde das Vetorecht gegen alle Cortes-Gesetze und stand der Regierung hinsichtlich Politik, Verwaltung und Gesetzgebung beratend zur Seite. Teile des Nationalrates wurden vom König ernannt, andere von der Bewegung gewählt. Der Nachfolger Francos sollte keine direkte Führungsposition im Movimiento bekleiden. Als Grundsätze eines neuen Parteiprogramms waren Katholizismus, nationale Einheit, soziale Gerechtigkeit, Syndikalismus und moderater Kapitalismus vorgesehen. Armee, Kirche, Regierung, Politische Klasse und Kapital wehrten sich heftig gegen die Reformen, die dem Nationalrat und dem Generalsekretär der Falange eine Schlüsselstellung im Staat eingeräumt hätten.
Am 20. November 1956 sprach Arrese anlässlich des 20. Todestages von José Antonio im Radio und versprach, dessen politische Ideale in die Tat umzusetzen: „José Antonio...Bist Du mit uns zufrieden? Ich glaube nicht. Und ich glaube nicht, weil du gegen Materialismus und Egoismus kämpftest, während heutzutage die Menschen die Größe Deiner Worte vergessen haben, nur um wie durstige Verrückte den Pfad von Materialismus und Egoismus hinab zu laufen. Weil Du ein Vaterland von Poeten und von Träumern wolltest, die nach anderem Ruhm eiferten, während die Menschen nur ein sattes, dickleibiges Vaterland suchen, voll von Stärke, wobei es weder Schönheit noch Tapferkeit besitzt. Weil Du das Opfer predigtest, während die Menschen von einer Ecke zur anderen sehen, um sich zu verstecken. Weil Du Geld verachtet hast, während die Menschen nach Geld gieren und das Geschäft der Pflicht übergeordnet ist, und ein Bruder den Bruder verkauft, profitierend mit der Demut und den Prüfungen des Vaterlandes. Weil Menschen Deine Parole, besser zu leben, mit besser zurechtzukommen verwechseln. Weil der Geist fleischlich geworden ist, das Opfer zur Gefräßigkeit geworden ist und Brüderlichkeit zur Habsucht geworden ist. Weil Du einen Leichenzug von Tausenden von Märtyrern gerufen hast, auf dass sie uns als Maßstab und als Leitbild dienen, und noch haben die Menschen im Blut Deiner Nachfolger kein Beispiel gesehen, und sie finden seine Erinnerung unbequem, und sie fühlen sich belästigt, wenn wir in ihren Ohren, die aller Großzügigkeit verschlossen sind, unser einförmiges Beharren am Beispiel unserer Märtyrer wiederholen, bis zu dem Ausmaß, dass manche die Gefallenen als Plattform nutzen, die sie erklettern oder als ein Sprungbrett für Geschäfte und Selbstberuhigung nutzen. José Antonio, Du bist nicht mit uns zufrieden. Du, der uns von Deinem Platz aus beobachtest, von Deinem 20. November, mit einem tiefen Sinn für Melancholie und Verachtung. Du kannst nicht zufrieden sein mit diesem mittelmäßigen, sinnlichen Leben."
Niedergang
Arrese präsentierte dem FET-Nationalrat seine Reformvorschläge am 29. Dezember 1956, wo sie trotz großer Meinungsbreite nur von wenigen als Versuch, einen totalitären Staat zu schaffen, abgelehnt wurden. Der Generalsekretär rechnete den Kritikern vor, dass die Althemden trotz aller im politischen Kampf und im Bürgerkrieg gebrachten Opfer gerade 5 % der Spitzenposten in Regierung und Verwaltung besetzten: 2 von 16 Ministern, 1 von 17 Untersekretären, 8 von 102 Generaldirektoren, 18 von 50 Zivilgouverneuren, 8 von 50 Präsidenten der Provinzialversammlungen, 65 von 151 Nationalräten, 137 von 575 Cortesabgeordneten, 766 von 9155 Bürgermeistern und 3226 von 55960 Gemeinderäten. Die Entscheidung über die Verfassungsreform lag nun bei Franco, der von Bischöfen, Militärs und Bankiers mit Protesten überschüttet wurde. Als der Diktator die Vorlagen der Reformkommission zurückwies, verabschiedete Arrese sich resigniert als der aktiven Parteiarbeit. Proteste aufgebrachter Jungfalangisten in Madrid führten zu Verhaftungen. Vizegeneralsekretär Diego Salas Pombo führte die Geschäfte und konnte nur mit Mühe den Rücktritt fast sämtlicher Spitzenfunktionäre des Movimiento verhindern.
Nun erfolgte im Februar 1957 die Regierungsumbildung, die nächste große Umorientierung des Regimes. Mit Navarro Rubio im Finanz- und Alberto Ullastre im Handelsministerium übernahm der dubiose katholische Laienorden Opus dei die Führung der spanischen Wirtschaftspolitik und leitete die Angleichung an Westeuropa ein, die Spanien über den Assoziationsvertrag von 1970 letztlich in die EG führte. Navarro Rubio und Ullastre zogen Laurenco López Rodó nach, der bald die Nationalen Entwicklungspläne entwerfen sollte und beste Beziehungen zu Weltbank, IWF, WEU und OECD sowie zu spanischen Unternehmerkreisen unterhielt. Alle drei Opus dei-Leute waren strikte Antifalangisten. Drahtzieher der Machtverschiebung war Luis Carrero Blanco, Leiter von Francos Präsidialsekretariat. Arbeitsminister Girón wurde durch den trägen Fermín Sanz Orrio ersetzt, dieser verhängte einen Lohnstop, um die Inflation zu bremsen. Der vollkommen unfähige und farblose José Solís Ruiz löste Arrese als Generalsekretär ab, in Personalunion war er auch Nationaldelegierter der Syndikate.
Trotz wütender Proteste hatte die Falange als politische Kraft in Franco-Spanien ausgespielt. Das Movimiento hatte mit Partei, Arbeit, Bildung und Wohnungsbau nur noch 4 Ministerien inne. Sein Studentensyndikat SEU wurde organisatorisch von der Parteijugend getrennt und ebenfalls völlig entpolitisiert. Im Januar 1958 zerschlug die Polizei eine falangistische Untergrundgruppe in Madrid. Die Rebellen nannten sich nach Manuel Hedilla Hedellistas und hatten vor allem in den Jugendorganisationen Anhang. In Spanien häuften sich Schmieraktionen („Hedilla-JONS“), aber Manuel Hedilla hatte sich nach seiner Freilassung 1947 zurückgezogen. In Nordspanien bildete sich mit der Haz Ibérico eine weitere neofalangistische Gruppe. Schon Anfang 1959 zählten die falangistischen Oppositionszirkel 25.000 Mitglieder. Franco band den entlassenen Arrese als Wohnungsbauminister in die Regierung ein, damit er sich nicht an die Spitze der enttäuschten Falangisten stellte
Ein neues Parteiprogramm vom 29. Mai 1958 ersetzte die 26 puntos. Das neue, vage gehaltene Programm bezog sich auf katholische Grundsätze wie Patriotismus, nationale Einheit, Frieden, Katholizismus, Individualismus, Familie und Repräsentation durch lokale Vertretungen und die Syndikate. Als Franco die Vorlage in den Cortes vorstellte, fiel nicht einmal mehr José Antonios Name. Die Einweihung des Nationaldenkmals im Valle de los Caidos, wo kurz zuvor José Antonios Leichnam beigesetzt wurde, am 1. April 1959 war von falangistischen Radauszenen und Protesten begleitet. Bei den Feierlichkeiten des 20. November 1960 beschimpfte ein Aktivist den Staatschef mit den Worten „Franco, du bist ein Verräter!“ und wanderte postwendend für 5 Jahre ins Gefängnis.
Nachdem sein ehrgeiziges Wohnungsbauprogramm im Kabinett scheiterte, reicht Arrese im März 1960 seinen Rücktritt ein – Ende einer jahrelangen Karriere. Im Januar 1961 verschwand auch Alfredo Jiménez Millas, Vizegeneralsekretär und Parteiveteran, von der Bildfläche. Ersetzt wurde er übrigens durch einen Opus dei-Mann. Der Orden sickerte nun auch in die Reihen der Parteifunktionäre ein und stellte sogar mehrere jefes provinciales. Am 30. Januar 1962 erinnerte Chefredakteur Rodrigo Royo in „Arriba“ an die Ideen des alten Triumvirats José Antonio, Ledesma Ramos und Redondo Ortega und attackierte das aktuelle Triumvirat des Opus dei im Kabinett, das die Ideale des Bürgerkrieges für Auslandsinvestitionen verkaufe. Der widerborstige Journalist wurde umgehend entlassen. Dennoch hielt die Kampagne der Parteipresse gegen den Orden an. Franco erschien es phasenweise, als wären die Movimiento-Blätter die undiszipliniertesten Zeitungen Spaniens. An den Unis führte die SEU unter den „duros“ (Hardlinern) Rodolfo Martín Villa und Daniel Relgado ihr letztes Gefecht, eingezwängt zwischen Opus dei und der erstarkenden Linken. Das Studentensyndikat wurde folgerichtig am 5. April 1965 aufgelöst und durch einen unpolitischen Studentenverband ersetzt. Die Partei hatte vielleicht noch 172.000 Mitglieder, und hier sind bereits die Karteileichen mitgezählt. Ihre Führung nannte mehr als 900.000, doch diese Zahl kam nur durch Mehrfachmitgliedschaften und Einbeziehung von Veteranenverband, Frauenorganisation etc. zustande. An den Unis gab es zuletzt knapp 3300 SEU-Mitglieder.
Im November 1963 richtete eine Gruppe von 52 Altfalangisten um Lius González Vicén einen Brief an José Solis Ruíz, den FET-Generalsekretär und spanischen Chef der Einheitsgewerkschaft. In ihren Augen hatte das Regime auf sozialem Gebiet vollkommen versagt. Der Lohnstop von 1957 bei fortlaufendem Preisanstieg hatte sich in der Tat katastrophal auf die Einstellung der Arbeiterschaft ausgewirkt. Handelsminister Ullastres und Finanzminister Rubio wandten rücksichtslos in falangistischen Augen rückständige kapitalistische Theorien an. Die herrschende Technokratie war durch einen tiefen Graben vom Volk getrennt, und der Schiffbruch der machtlosen Staatsgewerkschaft habe die Arbeiter gezwungen, zu klassenmäßig organisierten Verbänden zurückzukehren. Hiermit waren die 1962 entstandenen Comisiones Obreros CCOO gemeint. Diese Arbeiterkommissionen wurden vom Staat geduldet, der andererseits aber nichts gegen die soziale Ungerechtigkeit unternahm. Hinter den CCOO standen anfänglich sowohl katholische Kreise wie auch die nationalsyndikalistischen Circulos Doctrinales José Antonio. Diese halboffiziellen Zirkel wurden von Vicén geleitet, sie entstanden 1959 aus Jungfalangisten, Althemden und radikalisierten Aktivistinnen der Frauensektion. Mit „Es así“ hatten die Circulos ein eigenes Theorieorgan, in dem sie gegen das technokratische Regime agitierten. Im Mai 1964 erfolgte das Publikationsverbot, 1965 schied Vicén nach massivem Druck aus der bereits in 20 Städten aktiven Gruppe aus. An seiner Stelle setzte Diego Márquez Horrillo den Kampf fort. In den 70ern unterstützten die Zirkel die Demokratisierung, um freier arbeiten zu können. Narciso Perales organisierte die radikalere, völlig im Untergrund arbeitende Frente Nacional de Trabajadores, die sich auch eine Studentenorganisation zulegte. 1966 erfolgte die Abspaltung der Frente Sindicalista Revolucionario um Perales, an deren Spitze sich kein Geringerer als Manuel Hedilla stellte. Die FSR nahm an illegalen Streiks teil, agitierte im Proletariat und trug sich gar mit dem Gedanken des bewaffneten Kampfes gegen das reaktionäre Franco-System. Zerschlagen wurde hingegen eine zwischen 1964 und 1966 im Centro Social Manuel Mateo der Syndikate aktive Gruppe. Dieser Diskussionszirkel scharte sich um die Zeitschrift „Orden Nuovo“. Beteiligt waren Perales und der Parteidissident Cerefino Maestú, man unterhielt auch Kontakte zu den Kommunisten.
Im Herbst 1966 brachten die spanischen Vertrauensleutewahlen die Abrechung der unzufriedenen Arbeiter mit den staatlichen Organisationen. Vor allem in den Madrider Großbetrieben setzten sich die tolerierten Arbeiterkommissionen durch. Nun trat die illegale Kommunistische Partei auf den Plan. Die Kommunisten verdrängten und majorisierten zusehends die katholischen oder nationalsyndikalistischen Gründer und strebten danach, auf dem Umweg über die Gewerkschaften ihre Machtposition auszubauen. Als Hedilla sich 1968 in Lateinamerika aufhielt, nutzte Perales die Gelegenheit zum Putsch. Gemeinsam mit dem Neofaschisten Blas Pinar gründete er die Frente Nacional Alianza Libre. Pinar unterhielt die einflussreiche Zeitschrift „Fuerza Nueva“, an der sich auch Persönlichkeiten wie Léon Degrelle und Horia Sima beteiligten. Von der FNAL spaltete sich 1970 nach dem Tod Hedillas die nach dem Theorieorgan benannte Gruppe Fuerza Nueva ab. Perales kehrte zur FSR zurück, die sich 1975 zugunsten diverser nationalsyndikalistischer Kleingruppen auflöste.
Im Madrider Teatro de la Comedia wurde am 29. Oktober 1968 eine Erinnerungsfeier anlässlich des 35. Jahrestages der Parteigründung abgehalten. Die Delegierten hielten sich mit ihrer vernichtenden Kritik an der apathischen Parteiführung nicht zurück; auch Altkader wie Raimundo Fernández Cuesta, José Luis Arrese, Ramón Serrano Suner und Manuel Hedilla meldeten sich zu Wort. Hedilla erklärte die Bewegung für tot und gescheitert, Serrano Suner empfahl gar die Selbstauflösung. Kurz darauf deutete sich mit einem neuen Vereinigungsrecht, das unter strengen Auflagen die Bildung politischer Vereinigungen im Rahmen des Regimes zuließ, die Liberalisierung an – Fernández Cuesta und Girón erkannten zu Recht, dass es sich hierbei um den Totenschein der Falange handelte. Bezeichnenderweise verschwand am 5. Januar 1969 der Untertitel „Organo de FET y de las JONS“ aus dem Parteiorgan „Arriba“. Ende Oktober 1969 bildete Franco erneut die spanische Regierung um und berief noch mehr Opus dei-Ordensbrüder ins Kabinett. Torcuato Fernández de Miranda, bislang Chef der Kulturabteilung des Movimiento und Verantwortlicher für die Nachwuchsausbildung, wurde neuer Generalsekretär. Der neue Mann war ein erklärter Nichtfalangist und ein Meister der Doppelzüngigkeit, wie sie für das Regime typisch geworden war. Nur wenige Wochen später, am 23. November 1969 erschoss sich auf der Madrider Plaza Santa Barbara der Altfalangist Francisco Herranz, um gegen die Marginalisierung der Bewegung zu protestieren.
Das Ende
Die Immobilität des Regimes, in dem alle Reformversuche auch des Movimiento verpufften (selbst Girón forderte mittlerweile die politische Liberalisierung, die apertura, als letzte Chance für eine Neubelebung des Falangismus), zeigte sich 1971: Vizegeneralsekretär Miguel Ortí Bordas, Befürworter einer politischen Öffnung und Demokratisierung, wurde abgelöst. Sein Nachfolger Manuel Valdés Larranaga war doppelt so alt und kannte José Antonio noch persönlich. Miranda reorganisierte zwar die Verwaltung und Struktur der Partei, nur fehlten politische Anweisungen. Die jefes provinciales waren mittlerweile auf sich allein gestellt, die Apathie verbreitete sich noch weiter. Ein Tag voller Symbolkraft war der 20. Dezember 1973, als die ETA Admiral Luis Carrero Blanco, Ministerpräsident und letzte Hoffnung des Regimes, mit einer Autobombe tötete.
Carrero Blancos Nachfolger wurde am 29. Dezember 1973 Carlos Arias Navarro zum spanischen Ministerpräsidenten. Der Pragmatiker, Verwaltungsfachmann und zuvor Bürgermeister von Madrid, wurde berufen, um ein radikales Vorgehen vor allem von General Iniesto Cano, dem Chef der Guardia Civil, zu verhindern. Die reaktionäre Rechte forderte den Belagerungszustand und eine eindeutige Militärdiktatur. Fernández de Miranda gab die Führung des Movimiento an José Utrera Molina ab. Utrera Molina sollte der erste und letzte Generalsekretär sein, der aus der Parteijugend kam. Vom Rest der Regierung, die das Parteiministerium und das Generalsekretariat abschaffen wollte, wurde er erbittert bekämpft. Unter dem (schon im nächsten Jahr abgelösten) Informationsminister Pio Cabanillas begann die liberalste Periode Franco-Spaniens. Die Partei reagierte mit einem letzten Aufbäumen, denn selbst ihre Reformer wollten nur eine gemäßigte Öffnung, während die Regierungsmehrheit weiter zu gehen gedachte. Zeichen der Zeit waren die Nelkenrevolution in Portugal vom April 1974 (Sturz des postfaschistischen Estado Novo), der Kollaps des Obristenregimes in Griechenland im Juli 1974 und der Tod des chinesischen Nationalistenführers Jiang Kaishek am 5. April 1975. Franco und sein Regime waren die letzten Relikte aus der Periode des Faschismus. Im Aus- wie Inland organisierten sich Kommunisten, Sozialisten und Christdemokraten zu Keimzellen späterer politischer Parteien, im Inland unterminierten der Terrorismus von Gruppen wie GRAPO, FRAP und ETA sowie die Wirtschaftskrise das Regime. Im Baskenland wie in Katalonien begehrte man erfolgreich gegen das Verbot der Regionalsprachen auf, und Spanisch-Westsahara ging an Marokko verloren.
Am 4. März 1975 entmachtete Navarro Miranda und die restlichen Hardliner im Kabinett unter Rücktrittsdrohung, der dahinsiechende Franco gab nach. Neuer Generalsekretär und Parteiminister wurde Fernando Herrero Tejedor mit Adolfo Suárez als Stellvertreter. Letzterer war ein klarer Parteigänger von Juan Carlos, während Herrero Tejedor dem Opus dei angehörte. Die neue Parteiführung machte sich an die Förderung einer politischen Pluralisierung, sie begann die Abwicklung des Movimiento. Die Verwaltungs- und Wirtschaftseliten hatten bereits ihr Augenmerk auf die Zeit nach Francos Tod gerichtet. Herrero verhinderte auch den Plan Giróns und Fernández Cuestas, eine neue Falange Espanola y de las JONS zu gründen. Als Herrero am 12. Juni 1975 bei einem Autounfall starb, folgte ihm erneut der unsägliche Solís nach. Suárez wurde entlassen und bekannte sich in seiner Abschiedsrede zur Errichtung einer parlamentarischen Monarchie unter Juan Carlos.
Am 20. November 1975 starb der Francisco Franco y Bahamonde an einer Entzündung der inneren Herzwände im 83. Lebensjahr; nur wenige Stunden vor der 39. Wiederkehr der Hinrichtung José Antonios. Als einziger Regierungsvertreter wachte Solís an Francos Bett, fast während des gesamten Todeskampfes weinend. Am Folgetag defilierten 400.000 Menschen am im Königspalast aufgebahrten Leichnam des Caudillo vorüber. Am 24. November 1975 wurde Franco ausgerechnet an der Seite José Antonios im Valle de los Caidos beigesetzt.
Don Juan Carlos wurde zum König von Spanien ausgerufen und versprach in seiner Thronrede dem Volk die Demokratisierung des Landes. Carlos Arrias Navarro blieb vorerst Regierungschef, und der konservative Demokrat Suárez wurde letzter Parteichef des Movimiento. Anfang Dezember betraute Torcuato Fernández de Miranda mit dem Amt des Kronratsvorsitzenden und Cortespräsidenten. Nun war der Weg für die Abwicklung des Franco-Staates und der Staatspartei frei.
Im März 1976 benannte sich der Verband der Bürgerkriegsveteranen in Verband der Bürgerkriegskämpfer um, um seine Einsatzbereitschaft zu demonstrieren. Präsident dieser Organisation mit ihren immerhin 500.000 Mitgliedern war der ehemalige Arbeitsminister José Antonio Girón de Valesco. Girón war zugleich Führer der rechtsradikalen Fuerza Nueva, als deren Chefideologe Blas Pinar fungierte. Aktivisten der Fuerza Nueva organisierten zu dieser Zeit Gegenterrorismus gegen die ETA und linke Gruppen. Ferner machte sich Parteiveteran Fernández Cuesta mit einer Neubelebung der Falange Espanola de las JONS selbständig. Diese Gründung wurde übrigens auch vom Kabinett als Rechtsnachfolgerin des sterbenden Movimiento anerkannt. Als Sammelbecken der Nationalsyndikalisten entstand die Falange Espanola y de las JONS - auténtica unter Pedro Conde Soldana, welche sich deutlich an Hedillas und Ledesmas Falangismus orientierte. Daneben entwickelten sich die ersten neonazistischen Gruppen, unter ihnen die CEDADE.
Am 4. Juli 1976 ernannte Juan Carlos mit Adolfo Suárez González den jüngsten Ministerpräsidenten in der Geschichte Spaniens. Die neue Regierung war als Fachkabinett ohne Bindungen an das Movimiento oder die entstehenden Parteien konzipiert. Mit Rückendeckung der Armee führte Suárez die Demokratisierung des Landes durch und setzte Parlamentswahlen für das Jahr 1977 an. Am 5. November 1976 erfolgte die faktische Zerschlagung der falangistischen Syndikate: Das Gesetz zur Gewerkschaftsreform ließ neue Berufsverbände der Arbeitnehmer und Arbeitgeber zu, ohne die alten Syndikate formell aufzulösen. Suárez´ Reformen wurden per Volksabstimmung mit 94 % Mehrheit angenommen, wobei sich allerdings 23,4 % der Bevölkerung der Stimme enthielten. Erstmals in der Weltgeschichte hatte sich eine Diktatur selbst in eine Demokratie verwandelt.
Am 1. April 1977 erklärte Suárez das Movimiento Nacional für aufgelöst. Seine 35 Zeitungen und 45 Rundfunkstationen fielen an das Informationsministerium und wurden nach und nach privatisiert. Alle Familien-, Frauen-, Jugend- und Sporteinrichtungen wurden dem Ministerpräsidenten unterstellt, die 8000 Büros des Movimiento aufgelöst. Bei den ersten Parlamentswahlen seit 41 Jahren siegte am 15. Juni 1977 die Zentrumsunion, ein die Regierung unterstützendes Parteienbündnis. Die francistische Allianza Nacional scheiterte ebenso wie die Hedellistas mit 0,53 % bzw. 0,23 % der Wählerstimmen. Damit spielte der Nationalsyndikalismus keinerlei Rolle mehr im politischen Leben Spaniens. Soldanas Falangisten sprachen sich bei der Volksabstimmung im Dezember 1978 für die neue Ordnung aus. Blas Pinar verbreiterte vorübergehend die Basis der immerhin 40.000 Mitglieder zählenden Fuerza Nueva und zog bei den Neuwahlen am 1. März 1979 für die francistische Unión Nacional ins Parlament ein. Insgesamt erhielt die Partei 2,11 % der Stimmen, in Madrid waren es 4,8 % und in Neukastilien 4,37 % (Toledo 7,3 %). Blas Pinar büßte seinen Sitz bei erneuten Neuwahlen am 28. Oktober 1982 ein, mit dem Regierungsantritt der Sozialisten um Felipe González begann endgültig eine neue politische Ära in Spanien. Seitdem spielt die francistische wie falangistische Rechte keinerlei Rolle mehr in der spanischen Politik, wenn man von gewissen profrancistischen Tendenzen in der konservativen Allianza Popular absieht.
Heute noch gibt es eine Vielzahl an falangistischen Gruppen: Neben der „Falange Española des las J.O.N.S.“, dem „Sindicato Español Universitari“ oder „Sindicato Trabajadores Nacional-Sindicalistas“ bestehen die „La Falange“, „Falange Auténtica“ sowie eine vielzahl falangistischer/ nationalsyndikalistischer Splittergruppen.
Quelle: Internet